Wale im Nebel

„Wir hatten gehofft, ein paar Wale zu sehen…“ „Dann macht Eure Planung keinen Sinn. Ihr werdet lange paddeln und nichts sehen, das größer als ein Seehund ist. Europäer“, so lernen wir, „paddeln weite Strecken, um etwas zu sehen. In Kanada zählt die Zeit auf dem Wasser. Dort wartest Du, bis die Natur zu Dir kommt.“ Und unser Kajak-Verleiher hat Recht. Die Natur kommt in der Johnstone Strait an der Nordküste von Vancouver Island. Wir nehmen uns seine Empfehlungen und Tipps zu Herzen und werden in den nächsten Tagen viel Natur erleben. Einen weiteren wichtigen Punkt nehmen wir auch gleich noch mit, als ich nach einem Tidenkalender frage, um unseren genauen Startzeitpunkt zu planen. Tide und Strömung sind hier vor Ort nicht identisch, laufen sogar entgegengesetzt. Jeweils bei Hochwasser und Niedrigwasser ist die Strömung an den Passagen zwischen den Inseln am größten – bis zu 10 Knoten, wie uns der Strömungskalender verrät. Und genau dann ist dort die höchste Wahrscheinlichkeit, Wale bei der Jagd zu treffen. Mit diesem Wissen im Gepäck und einer Handvoll guter Zeltplätze vor Augen geht es los.

Als wir die Bucht von Telegraph Cove verlassen, bietet sich ein Anblick, der uns die nächsten Tage über begleiten wird. Wo eben noch eine Gruppe von Inseln lag, ist jetzt eine dichte Suppe aus Nebel. Der soll hier im September morgens üblich sein. Das wiederum ist glatt gelogen. An Tageszeiten hält er sich definitiv nicht und arbeitet mindestens auf einer Vollzeitstelle. Lange Querungen vermeiden wir daher zunächst und hangeln uns von Insel zu Insel. Wie in Zukunft häufiger sind es auch jetzt die Geräusche, die uns auf die Meeresbewohner hinweisen. Ein ziemlicher Lärm umgibt eine Felseninsel, auf der sich eine große Kolonie von Seelöwen niedergelassen hat. Vor der Insel gibt es immer wieder ein lautes Schnaufen und Prusten aus dem Wasser, sodass wir schon glauben, unseren ersten Wal vor dem Bug zu haben. Es stellt sich jedoch heraus, dass Seelöwen nahezu die gleichen Geräusche von sich geben – nur eine Spur leiser. Auch vor unserem ersten Übernachtungsplatz zieht abends ein Seelöwe solange seine Runden, bis für uns das Schnaufen fast selbstverständlich geworden ist. Als es jedoch irgendwann von der anderen Seite der Insel kommt, wagen wir doch einen Blick um die Ecke und sehen, dass wir beinahe unsere erste Walsichtung verpasst hätten. Dort taucht eindeutig kein Seelöwe auf und ab, sondern ein viel größerer Meeressäuger. Leider verschwindet er jedoch nur allzu bald im dichter werdenden Nebel.

Am nächsten Morgen und bei wesentlich besserer Sicht ist der Trubel vor unserer  Insel umso größer. Immer wieder „stören“ uns Wale bei den üblichen Morgenbeschäftigungen. Zwei Grauwale tauchen immer wieder auf und ab. Nachdem sie endlich weiter gezogen sind, können auch wir zu Ende frühstücken und in unseren Kajaks eine entspannte Tagestour durch die westlichsten Inseln des Broughton Archiopelago angehen. Der ein oder andere Seehund beäugt uns erst misstrauisch, beschließt dann aber doch, sich lieber weiter faul treiben zu lassen. Irgendwann ziehen wir die Aufmerksamkeit eines Delphins auf uns, der vor und hinter uns auf und ab taucht. Das Wasser ist so klar, dass man ihn unter uns hindurch tauchen sehen kann. Nachdem er sich verzogen hat, geht es für uns weiter, nur um zwischen den nächsten Inseln eine ganze Gruppe von Delphinen zu sehen. Hier ist die Strömung stärker und die Herde jagt offensichtlich. Wir lassen uns treiben und genießen das Schauspiel. Es gelingt sogar der ein oder andere gute Schnappschuss. Als wir auf dem Rückweg kurz vor unserer Insel ankommen, erleben wir das erste Mal einen Wal aus ziemlicher großer Nähe. Ein Buckelwal taucht immer wieder auf und ab und beginnt irgendwann mit der Schwanzflosse auf das Wasser zu schlagen. Ein wenig mulmiger wird uns, als er irgendwann in unsere Richtung abdreht und keine zwanzig Meter vor unseren Booten auf- und wieder abtaucht. An Land angekommen, werden wir obendrauf noch Zeuge eines besonderen Schauspiels. Zwischen den Inseln bilden sich plötzlich eigenartige Wellen. Diese, stellt sich heraus, sind in Wirklichkeit mehrere Dutzend Delphine, die hintereinander in Reihe in die Bucht schwimmen. Dort angekommen schwimmen sie ab jetzt parallel nebeneinander und gehen in Formation auf die Jagd. Gegen diese Gruppe ausgeklügelter Strategen dürfte ihre Beute wenig Chancen haben. Pünktlich zum Sonnenuntergang krönen noch zwei weitere Buckelwale unseren Tag, die in der Passage offenbar umeinander buhlen, indem sie auf und ab springen. Der Hall sorgt zwischen den Inseln dafür, dass das Klatschen klingt wie Silvesterfeuerwerk. Nachdem die gestrige Sichtung nett war, aber keinen großen Eindruck hinterlassen hat, besteht heute Einigkeit über die Erhabenheit der hiesigen Meeresbewohner.

Auch der nächste Tag hält einiges an Natur bereit. In den letzten Tagen haben wir immer viel dafür getan, keine Bären anzulocken. Heute haben wir das Glück, vom Boot aus einen am Strand beobachten zu können. Leider zieht immer wieder Nebel auf, sodass wir Wale zwar immer wieder hören – vor allem die „Pfeiftöne“ der Buckelwale. Zu sehen sind sie allerdings nur selten. Einzig am Abend beginnt ein Buckelwal direkt vor unserer Insel auf und ab zu springen. Vor der Kulisse der Inseln gibt das ein beeindruckendes Bild ab. Irgendwann zieht aber auch heute der Nebel wieder zu und es weisen nur noch die Geräusche auf das muntere Treiben des Wales hin.

Auf der Rücktour zum Ausgangspunkt erwischt uns endgültig der Nebel. An beiden Paddeltagen ist er häufig so dicht, dass wir soweit es geht unter Land bleiben und die Passagen so kurz wie möglich halten. Durch die Strömung sind wir aber zeitlich einigermaßen festgelegt, sodass wir sie irgendwann doch angehen müssen. Als Orientierung für Richtung und Vorhaltewinkel bleibt uns nur die Sonne, die an Backbord durch den milchigen Nebel scheint. Jetzt sorgen die Geräusche der Wale im Nebel eher für eine gespenstische Stimmung. Nach sicherer Ankunft im Hafen von Telegraph Cove bleibt die Erinnerung an beeindruckende Naturerlebnisse – trotz oder gerade wegen des Nebels.

Im Kajak von Berlin nach Cuxhaven

Vor längerem habe ich mal in einer Kanuzeitschrift einen Bericht über eine Paddeltour von Berlin nach Hamburg gelesen – mehrfach dann selbst in Erwägung gezogen. Ich bin aber nie über das Ideenstadium hinausgekommen. Was es braucht, ist schlicht eine Gelegenheit. Schließlich habe ich an einem Samstag im September einen „Termin“ in Cuxhaven – ein Kind will getauft werden. Die zwei Wochen vorher habe ich frei. Der Plan drängt sich auf, mit Muskelkraft anzureisen.

Am Samstagmorgen, zwei Wochen vor der Taufe, steige ich also wie gewohnt am Schwimmsteg des TKV ins Boot. Irgendwie ist es noch relativ unwirklich, dass ich von dort nicht die übliche kleine oder große Runde vor mir habe und nicht ein paar Stunden später das Boot wieder ins Regal räume. Heute ist das Boot bis in die Spitzen beladen, liegt tief wie noch nie und ist zudem völlig hecklastig. Das ist bei dem Wind nicht wirklich angenehm, weil sich das Boot ständig dreht. Ich bin aber viel zu sehr in Aufbruchsstimmung, als dass ich das jetzt nochmal umpacken würde. Die bessere Verteilung des Gewichts soll sich in den nächsten Tagen einstellen und die Ladung wird ja ebenfalls immer weniger. Catharina begleitet mich noch auf den ersten Kilometern, dreht dann aber um und ich bin auf meiner ersten Solotour. Seit dem Hiddenseemarathon bin ich nicht mehr wirklich viel gepaddelt. Ich bin aber recht zuversichtlich, dass sich die Paddelkondition wieder schnell einstellen wird. An der Schleuse Spandau ist der Havelkilometer 0 angeschlagen. Die nächsten Tage soll diese Zahl auf meinem Weg kontinuierlich steigen. Unterwegs komme ich mit mehreren Paddlern ins Gespräch über Grönlandpaddel und verschiedene Marathonveranstaltungen. Einer fragt mich, ob ich ihm mal kurz mit einer Karte aushelfen könne, damit er sich nochmal wegen seines nächsten Abzweigs rückversichern kann. Aus meinem beeindruckenden Stapel laminierter Karten reiche ich ihm die oberste und erkläre auf seinen fragenden Blick hin nur: „Ich will zur Nordsee.“

Am ersten Abend in Ketzin habe ich die Gelegenheit, die neuen Teile meiner Ausrüstung endlich unter realen Bedingungen einzuweihen. Insbesondere auf meinen Hobo habe ich mich gefreut. Bewusst habe ich sonst keinen Kocher mitgenommen und werde die nächsten zwei Wochen nur auf offenem Holzfeuer kochen. Das stellt sich als schwieriger heraus als zunächst gedacht. Aber irgendwann gewöhne ich mich auch an die Hitzeregulierung und genieße die ersten Spaghetti mit Thunfisch dieser Tour bis mich die Mücken ins Zelt treiben.

Nach ein paar guten Eierkuchen zum Frühstück geht es früh am nächsten Morgen weiter flussabwärts. Im ständigen Wechsel von absolut unberührter Natur und vereinzelten Siedlungen schiebe ich mich die Havelbuchten entlang. Hat sich eben noch eine kleine Ringelnatter weggeschlängelt, fahre ich jetzt schon in Brandenburg ein. Gerade auf den größeren Seen erzeugt der Wind auch heute noch ordentliche Wellen – aber jetzt ist mein Boot wesentlich besser getrimmt und das Seekajak ist in seinem Element. Abends gönne ich mir auf einem Zeltplatz eine heiße Dusche und in der benachbarten Gaststätte ein Schnitzel. Völlig untypisch sind die Dauercamper durchgehend freundlich.

Der nächste Morgen beginnt mit einem beeindruckenden Naturschauspiel: ein großer Schwarm Wildgänse lässt sich mit lautem Geschnatter auf der Havel nieder. Einmal mehr hat sich das frühe Aufstehen zum Sonnenaufgang gelohnt. Die Mittagspause verbringe ich heute unter dem Schild von Havelkilometer 100. Die herrliche Sonne soll genutzt werden, um mit dem mitgebrachtne Solarpanel mein Handy aufzuladen. Die passenden Kabel sind natürlich nicht dabei, sodass ich noch eine kleine Shoppingtour in Rathenow einlege, bevor es mit einem Liter Mezzomix in der Tagesluke zielstrebig weiter geht. Durch Zufall entdecke ich in Gütz einen sehr gut ausgestatteten Biwak-Platz, der offenbar so neu ist, dass er nicht in meiner Karte eingezeichnet ist. Jeder in dem Örtchen scheint sich für den reibungslosen Betrieb mitverantwortlich zu fühlen, sodass einige sehr nette Gespräche entstehen.

Ganz großes Kino ist für mich die Selbsbedienungs-Kahnschleuse hinter Gütz. Völlig im Handbetrieb müssen die Schleusentore geöffnet und geschlossen werden, während das Kajak sorgsam vertaut in der Schleusenkammer treibt. Hätte ich kein Ziel vor Augen, würde ich mich hier glatt ein paar Tage als Schleusenwärter verdingen. Stattdessen genieße ich am Abend die Gastfreundschaft der Ruderriege Havelberg und nutze die Gelegenheit zu einem längeren Stadtspaziergang bei Gyros und Eis.

Schleusen gehören auf dieser Tour zum täglichen Geschäft. Immer wieder heißt es warten, bis sich die Schleusentore öffnen. Der Griff zum Telefon und Anruf in der Fernbedienzentrale wird langsam zur Gewohnheit, bevor häufig nur für mein kleines Kajak Millionen von Litern Wasser bewegt werden. Heute steht mein letzter Anruf in der Fernbedienzentrale Rathenow an. Und zum ersten Mal geht es aufwärts. Hinter der Schleuse Havelberg wartet die Elbe.

Ab jetzt kommt ordentlich Strömung ins Spiel. Auch ohne zu paddeln, treibt der Strom mich mit 4 bis 5 km/h voran. Trotz des zunehmenden Gegenwinds komme ich daher gut voran. Die Mittagspause nutze ich heute für einen kleinen Spaziergang durch das Storchendorf Rühstedt. Die Bewohner haben ihr Dörfchen recht beschaulich hergerichtet und auf jedem zweiten Dach findet sich ein Storchennest. Das dortige Geschehen wird sogar ins Internet übertragen. Auch wenn ich keinen einzigen Storch sehe, hält die Vogelwelt an der Elbe einiges bereit. Überall am Elbestrand lagern unzählige Schwärme von Gänsen und Seeschwalben auf ihrem Weg ins Winterquartier. Diese Idylle trübt kaum ein Boot. Außer ein paar Kuttern, die Instandsetzungsarbeiten an den Tonnen verrichten oder die Fahrrinne ausbaggern, sehe ich keine Wasserfahrzeuge. Mittlerweile in Niedersachsen eingelaufen, genieße ich beim Biwak in Schnackenburg den ersten Abend an der Elbe.

Der nächste Morgen hält eine gigantische Stimmung bereit. Das gegenüberliegende Ufer verschwindet völlig im Nebel. Auch die Umrisse von Schnackenburg schauen nur noch vereinzelt aus einer Watteschicht hervor. Die Sonne scheint sich immer wieder durch die Nebelschwaden zu fressen, bevor es sich anschließend wieder richig zuzieht. Die Orientierung am Tonnenstrich klappt ziemlich gut, rechts und links sehe ich aber nicht wirklich viel.

Nach der folgenden Nacht auf dem Campingplatz Elbestrand treffe ich Jürgen. Er ist von Dresden aus unterwegs, nachdem er vorher den Rhein runter gepaddelt ist. Er will noch bis Lühesand und dort „richtig Urlaub machen“. Er hat gute Tipps parat, vor allem für eine schöne Aussichtsplattform in Boizenburg, von der ich bei der Mittagspause einen großartigen Panoramablick über die Elbe genieße. In Lauenburg fülle ich unter anderem meine Haribo-Vorräte wieder auf ein erträglich Maß auf. Jetzt befinde ich mich in Schleswig-Holstein, wie mir vertraute Gesichter auf den Wahlplakaten verraten. Ab Boizenburg nimmt die Strömung der Elbe spürbar ab – dafür der Verkehr vor allem hinter der Mündung des Elbe-Seitenkanals spürbar zu. Ich treffe Jürgen wieder auf der Zeltwiese des KC Geesthacht.

Am nächsten Morgen lassen wir es sehr ruhig angehen. Wie üblich bin ich zwar zum Sonnenaufgang wach. Hinter der Schleuse Geesthacht ist die Elbe allerdings Tidengewässer, sodass man gegen auflaufendes Wasser wenig Spaß hat. Wir planen den Aufbruch so, dass wir eine Stunde vor Hochwasser hinter der Schleuse sind, durch die wir mit einigen beeindruckend dicken Schubverbänden und zahlreichen Sportbooten geschleust werden. Bei einer ungeschickten Bewegung in der Schleuse zerre ich mir einen Nackenmuskel, der mir schon das ein oder andere mal Probleme gemacht hat. Die kommenden Kilometer werden also recht unentspannt. Das eher mäßige Wetter mit dichten Wolken, gelegentlichen kurzen Schauern und vor allem stärkerem Gegenwind tut sein Übriges. Immerhin haben wir zwischenzeitlich Hochwasser gehabt. Wir paddeln also nicht mehr gegen eine leichte Strömung – vielmehr hilft sie zunehmend.

Lange ist der Landschaft nicht anzumerken, dass ich auf eine Großstadt zu paddle. Vieles erscheint vom Wasser aus naturbelassen und die gelegentlichen Gebäude könnten auch zu jeder anderen Stadt an der Elbe gehören. Erst nach verschiedenen Windungen kündigen Teile der Skyline und diverse Kräne den Hamburger Hafen an. Direkt am Bau der Elbphilharmonie liegt die Queen Mary 2 vor Anker und zieht die Blicke der Ausflügler auf ihren Barkassen auf sich. Dort wird es zudem richtig wellig – Vierer-Wind von vorn trifft auf Vierer-Strömung von hinten. Ich biege Richtung Schaartorschleuse. Entgegen anfänglicher Befürchtungen werde ich trotz fortgeschrittener Stunde und Großveranstaltung auf der Binnenalster noch geschleust. Über Alster und Isebekkanal geht es zu gastfreundlichen Freunden, wo ich das Wochenende verbringen will. Unvermittelt kommen mir Zeilen des Klassikers von Lotto King Karl ins Gedächtnis: „Wenn Du von Süden kommst, ist Hamburg direkt vor Grönland. Wenn du aus der Hauptstadt kommst, möchtest du hier gar nicht mehr weg.“

Weggewollt hätte ich zwei Tage später schon. Aber bei einer prognostizierten Windstärke 5, in Böen 7, und die Aussicht das im Hamburger Hafen zu erleben, hat dann doch zur Abwechslung mal die Vernunft gesiegt. Dafür geht es am nächsten Morgen richtig früh los. Wieder hängt die gesamte Tagesplanung am Tidenverlauf. So rollere ich eine Stunde vor Sonnenaufgang aus der Tiefgarage meiner Gastgeber und gleite um sechs Uhr über den spiegelglatten Isebekkanal wieder Richtung Alster. Gegen acht passiere ich Rathaus und die dortigen Schleusen, bevor es dann endlich in den Hafen und damit zurück auf die Elbe geht. Hier ist es heute morgen noch vergleichsweise ruhig. Trotzdem halte ich mich vorschriftsmäßig zwischen Landungsbrücken und Ufer. Die Elbe hat hier ziemlich guten Wellengang. Nachdem ich am Wochenende aber viel nun unnützes Gepäck gegen meine Paddeljacke eingetauscht habe, fühle ich mich in meinem Boot seetüchtig und strebe erwartungsfroh weiter der Nordsee entgegen. So paddle ich bis zu Niedrigwasser und schon einsetzender Gegenströmung bis Wedel, wo ich dann eine längere Zwangspause einlege, Mittag esse, lese und den vorbeifahrenden Containerfrachtern zusehe. Jedes Schiff bekommt nach einem Tusch seine Nationalhymne gespielt (die Handeslflotte von Liberia ist ziemlich beeindruckend!) und den Spaziergängern und Gaststättenbesuchern werden Fakten zum Schiff, seiner Route angesagt. Die Ansage „Die 5,20 Meter lange Serenity aus der Valley-Werft in Nottingham verbraucht 2 Liter Mezzomix auf 100 km und transportiert Ingwer und Haribo Colorado von Berlin an die Nordseeküste.“ muss ich aber wohl verpasst haben.

Ursprünglich hatte ich geplant, heute bis Lühesand zu paddeln. Wegen des anhaltenden Schietwetters und der zeitlich eher ungünstigen Tiden beschließe ich aber eher mehr Strecke zu machen, um zum Ende der Woche noch ein paar schöne Tage in Cuxhaven verbringen zu können. Immer wieder gleiche ich Geschwindigkeit mit der Zeit bis zum Sonnenuntergang ab und steuere schließlich den Campingplatz Krautsand an. Der Campingplatz wirbt damit, direkt am Deich zu liegen. Was aber für Wasserwanderer in Wirklichkeit heißt: hinter (!) dem Deich. Nachdem die Räder meines Bootswagens immer wieder im nassen Sand feststecken, beginne ich irgendwann das Boot einfach ohne Wagen über den Sand zu ziehen, was wesentlich leichter ist. Keine zehn Pferde bekommen mich dazu, das Boot über den Deich zu tragen. Also wird es kurzerhand ins Gebüsch geschoben und nur das Nötigste für die Nacht auf den Zeltplatz getragen.

Auch der nächste Morgen beginnt früh, sehr früh. Ich will aber zumindest noch die letzten Stunden des ablaufenden Wasser mitnehmen. Vorbei am AKW Krümmel und der Mündung des Nord-Ostsee-Kanals geht es nach Brunsbüttel. Bei Niedrigwasser tue ich mich schwer, eine vernüftige Stelle zum Aussteigen zu finden. Nachdem ich aber mehrere Male meine Teva-Sandalen im Schlick festgetreten habe, mache ich endlich den beprickten Eingang zum Seglerhafen aus, den ich ansteuere und erstmal zu einer Grundreinigung von Boot, Kleidung und Ausrüstung ansetze.

Am frühen Nachmittag geht es endlich auf die letzte Etappe. Schon von weitem mache ich die Kugelbake an der Elbmündung in die Nordsee aus. Das Fahrwasser macht allerdings den ein oder anderen Schlenker, sodass die Bake nur sehr langsam größer wird. Schließlich geht es vorbei an Cuxhaven und den Kurgästen, die die großen Containerschiffe auf der Elbe bestaunen. Jetzt wird die Kugelbake und der kleine Strand daneben immer größer. Euphorie macht sich breit. Traditionsgemäß fische ich meine Nasenklammer aus der Schwimmweste. Been there. Done a roll.

Entdecke Deine Möglichkeiten

EdM_2013_2An diesem Wochenende waren wir zu Gast in der Kanu-Vereinigung-Köpenick. Dort organisiert Rolf einmal im Jahr unter dem schönen Motto „Entdecke Deine Möglichkeiten“ eine Langstreckentour zur Großen Tränke und zurück. Den Paddlern im Nordwesten sagt das wenig und die Distanz schreckt erst einmal viele ab, vielleicht auch zweimal. 66 km im Boot stehen an. Wie bei zwei anderen Teilnehmern soll es auch bei mir die Generalprobe vor dem Hiddensee-Marathon sein.

EdM_2013_5

Los geht es früh im Pulk über den Seddinsee Richtung Oder-Spree-Kanal. Dort heißt es erst mal wieder komplett sammeln, da nur in der Gruppe geschleust wird. Am Schleusenwehr stürzen sich uns beeindruckende Wassermassen entgegen. Auch im Kanal strömt es anschließend ordentlich. Dafür ist es allerdings schöner als gedacht. Der Kanal ist nicht schnurgerade und ziemlich grün. Zwischendurch beehrt uns sogar ein Otter, der vor unseren Booten den Kanal queren will, sich dann aber doch mit einem eindrucksvollen Platschen in die Tiefe verabschiedet. Nach gut 20 km im Kanal liegt dann recht idyllisch die ehemalige Schleuse „Große Tränke“. Hier heißt es normalerweise Umsetzen. Allerdings steht heute das Wasser so hoch, dass das Wehr problemlos überfahren werden kann. Nach einer Snackpause geht es auf den noch schöneren Teil der Strecke.

EdM_2013_8Die Müggelspree windet sich von hier aus Richtung Berlin. Weitestgehend naturbelassen findet man direkt vor den Toren Berlins ein kleines Paradies für Wasserwanderer. Die vom Biber und den Stürmen der letzten Tage gefällte Bäume vervollständigen den Eindruck des Urwüchsigen. Windung um Windung drückt uns die Strömung voran – wie sich das für einen Rückweg gehört, hilft sie uns jetzt nämlich. Vorbei geht es an Reihern, einer Armada von Libellen und farbenfrohen Faltern. Ob es nun an der bereits zurückgelegten Distanz liegt oder tatsächlich an einer Übersättigung, irgendwann frage ich mich doch genervt, wie viele Kurven da wohl noch kommen mögen. Und so bin ich recht guter Dinge, als irgendwann dann doch der Dämeritzsee als das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels in Sicht kommt. Von hier aus biegen wir nach kurzer Querung ab zurück zum KVK.

Auch wenn die Eckdaten den einen oder anderen abschrecken mögen, ist diese jährliche Tour eine sehr charmante Langstreckenfahrt. Und hetzen tut hier keiner. Wo wir schon mal in der Gegend waren, haben wir am Sonntag die Gelegenheit für die „Große Umfahrt“ rund um die Müggelberge genutzt. Eine weitere herrliche Tour in südost-Berliner Gewässern.

(Fast) 100 – In großem Bogen rund Potsdam

Potsdam_100So manche Tour wurde im TKV ja bereits als Schinderei verschrien. Mir ist das nicht genug und ich bilde mir ein, eine weitere Langstreckentour wäre noch eine gute Vorbereitung für den Hiddenseemarathon in zwei Wochen. Also klingelt mein Wecker an einem Samstagmorgen einmal mehr deutlich früher als unter der Woche. Mit reichlich Müsliriegeln und Bananen auf dem Deck sowie 500 g Bananenquark im Bauch lege ich um 6:15 Uhr am TKV ab. Die Stimmung ist herrlich und der Tegeler See macht in der Morgensonne einiges her. Hier und die Havel entlang lümmeln bereits erstaunlich viele Angler rum… Über die Spandauer Havel geht es Richtung Wannsee. Die Havel hat einiges an Strömung – zeitweilig fahre ich 12 km/h. So fahre ich nicht wie gewohnt durch Klein Venedig, sondern bleibe im drögen Kanal und lasse mich schieben. An Grunewaldturm, Pfaueninsel und Sacrower Heilandskirche vorbei geht es die Havel runter in den Sacrow-Paretzer Kanal. Ich habe mir vorgenommen, zwei längere Touren, die ich in der Vergangenheit bereits häufiger gefahren bin, kombiniert an einem Tag zu fahren. Mit der Griebnitzsee-Tour und der Runde um Potsdam gibt das ziemlich genau 100 km. Schöne Zahl…

Auch hier im Kanal strömt es gut, sodass ich schon nach fünf Stunden den Abzweig Richtung Werder erreiche. 40 km sind jetzt bereits auf dem Tacho. Ein 8er Schnitt lässt mich optimistisch in die Zukunft blicken. Nur habe ich bisher immer zwei Punkte ausgeblendet: ab jetzt gibt es gute 15 km Gegenwind der Stärke 4 und ab jetzt paddele ich gegen die Strömung. Meine Geschwindigkeit sinkt proportional zu meiner Laune. Immerhin überhole ich diverse Paddler, die es deutlich ruhiger angehen lassen. Kein großer Trost. Der eigentlich geplante Stop in Werder fällt aus. Erst will die Gegenwindstrecke hinter mich bringen – Psychologie und so… Endlich erreiche ich den Schwielowsee und biege in den kleinen Kanal zum Petziensee. Hier ist es windstill, aber es strömt mir deutlich entgegen. Entkräftet steuere ich eine der noch wenigen freien Buchten an und mache eine kurze Pause. Allzu lange will ich aber nicht bleiben. Ein gutes Stück liegt ja noch vor mir.

Griebnitzsee

Den Templiner See hinauf geht es durch Potsdam bis irgendwann endlich die Glienicker Brücke in Sicht kommt. Rechts biege ich ein Richtung Griebnitzsee, wo ich nach 10 Stunden endlich die 70 km vollmache. Ich mache eine weitere kurze Pause, bevor es weiter geht. Auf den folgenden Kilometern mache ich immer wieder kurze Pausen im Boot, lehne mich zurück und entspanne Rücken und Hände. Auf der folgenden Strecke über Pohlesee, Kleinen Wannsee und Großen Wannsee sinkt die Motivation immer weiter. Irgendwie war der letzte Müsliriegel auch nicht der beste Kauf. Direkt nach der schmalen Durchfahrt bei Schwanenwerder mache ich erneut eine Pause. Ich muss dringend mal meine Beine ausstrecken und den Rücken entlasten. Kurz schlafe ich sogar ein, bevor es weiter geht Richtung Schleuse Spandau. Klein Venedig spare ich mir wieder – irgendwie verkraftet meine Psyche den Gedanken an einen Umweg gerade nicht, auch wenn dort die Strömung unter Umständen geringer ist…

Kurz vor der Schleuse steht am Rand einer der obligatorischen Angler. Ich mustere ihn, weil er einem Bekannten verdammt ähnlich sieht. Er bemerkt dies offenbar und meint nur: „Na, endlich auf’m Rückweg?“ Außer einem kurzen „ja“ und einem blöden Blick bekomme ich nicht viel heraus. „Ick stand heute morgen da drüben.“ meint er und zeigt auf die andere Uferseite, von wo ihn ein Stadtfest vertrieben hat. Blöder Blick wird zu einem breiten Grinsen und deutlich entspannter und motivierter geht es jetzt durch die Schleuse auf die letzten knapp 8 km. Ich beschließe, doch nicht mit dem Paddeln aufzuhören, den Hiddensee-Marathon doch nicht abzusagen und sowieso und überhaupt… Durch den direkten Weg statt durch Klein Venedig fehlen mir beim Eintreffen im Verein kurz vor 21:00 Uhr zwei wertvolle Kilometer. Endstand sind 98 km – aber wer wird denn kleinlich sein?

Das ist übrigens eine traumhafte Strecke, die man aber sinnvollerweise besser an zwei bis drei Tagen fahren sollte…

Paddeln, wo andere hin verbannt werden – Elba 2013

Elba in so kurzer Zeit zu umrunden, hatten wir eigentlich gar nicht geplant. Dass wir aus Zeitmangel nicht jeden der 145 Küstenkilometer und damit jede noch so kleine Bucht abfahren, war uns von Anfang an bewusst. In Reaktion auf die Wetterprognosen haben wir die knapp 90 km dann sogar in drei Tagen gepaddelt.

Los geht es in Acquaviva bei Portoferraio. Hier sind wir gestern, nach der Überfahrt aus Richtung Venedig, in einem Campingplatz untergekommen. Man spricht deutsch so wie die meisten der Campinggäste. Im Restaurant gab es hervorragende Küche und das Auto kann die Woche über hier bleiben. Verkehrt ist das alles nicht.

Da die Winde im Laufe der Woche zunehmen und auf West drehen sollen, wollen wir die Westseite der Insel mit weniger Anlandemöglichkeiten lieber hinter uns haben und starten unsere Tour gegen den Uhrzeigersinn.

Der Monte Capanne ist wolkenverhangen. Er und der Rest der Insel präsentieren sich idyllisch und das Wasser ist glasklar. In der letzten Wochen hat es auch hier ordentlich geweht. Davon merkt man heute nichts. Als wir das Nordost-Kapp erreichen, fallen uns immer häufiger kleine blaue Gegenstände auf, die im Meer schwimmen. Was ich erst für Müll halte, entpuppt sich schließlich als… ja was eigentlich. Bei näherer Betrachtung wirken sie wie Quallen, die sich mit einem Segel haben ausrüsten lassen – tatsächlich sind es Segelquallen. Man trifft sie rund Elba wohl nicht so häufig an. Die starken Winde der letzen Woche haben sie aber offensichtlich hierherverschlagen. Sie kommen in immer dichteren Schwärmen, sodass die Sorge aufkommt, links um die Ecke versteckt sich das Mutterschiff und saugt schließlich uns auf.

Im Vorfeld haben wir uns einen Strandführer besorgt, der jeden der gut 150 Strände Elbas in Bezug auf Zugänglichkeit und Beschaffenheit beschreibt. Teilweise fällt die etwas sehr positiv aus, ist aber jedenfalls ein guter Anhaltspunkt. Als Strand werden auch so ziemlich alle Unterbrechungen der Steilküste gewertet. So peilen wir den zuvor ausgewählten Strand Le Tombe an. Dort erwischt uns ein Schauer. Die im Strandführer versprochene Abendsonne bleibt aus. Dafür entschädigen wir uns selbst mit einem Lagerfeuer aus Treibholz und genießen den Blick auf’s Meer hinaus, wo eigentlich Korsika liegen sollte.

Am nächsten Morgen sind tatsächlich die Konturen Korsikas deutlich zu erkennen. Die Gipfel der Berge sind noch schneebedeckt. An diesem Tag lernen wir, wie anfällig Skegs sein können. Erster Kandidat ist Christoph, der sein Skeg-Steuer schon nach wenigen Kilometern wieder gangbar machen muss, bevor eine Grotte zur Befahrung einlädt. Bei der nächsten Anlandung habe ich wiederum Steine vom Kiesstrand in den Skegkasten bekommen und bei dem anschließenden Gezerre an der Vorrichtung den Führungsschlauch aus der Befestigung gerissen. Catharina fährt es zwar noch händisch aus – für den Rest der Etappe bin ich aber stark lufgierig und muss mein Boot während der langen Querung ständig mit Bogenschlägen auf Kurs halten. Die Anstrengung lässt meine Laune in den Keller sinken. Diese hebt sich erst wieder als die Mine, die neben unserem Zielstrand liegt, in Sicht kommt. Nach einer längeren Skegreparatur funktioniert dieses besser als zuvor. Eine endgültige Befestigung verschiebe ich mangels Material aber auf zu Haus.

 

Immerhin scheint die Sonne. Die Laune steigt wieder nach erfolgreicher Reparatur und Christoph muss nicht lange überzeugt werden, eine Roll-Session in der idyllischen Bucht einzulegen. Auch die Handrollen sitzen in leicht bewegtem Wasser, bis nach einer guten halbe Stunde die Luft raus ist. Natürlich lassen wir uns eine Besichtigung des Minengeländes nicht entgehen. Früher Elbas Haupteinnahmequelle wurde hier irgendwann der Betrieb aufgegeben und ohne größere Vorkehrungen alles stehen und liegen gelassen und dem Verfall preisgegeben. Entstanden ist ein feiner Abenteuerspielplatz für Erwachsene.

Am nächsten Tag geht es bei leichtem Nordwind die Ostküste hinaus. Am Strand hatten wir keinen Internetempfang für eine aktualisierte Wetterprognose. Das holen wir nach Einkauf und Mittagessen in Marina die Campo nach. Für die nächsten beiden Tage werden sehr starke Winde aus West angesagt, sodass wir befürchten müssen, auf einem angepeilten Strand an der Ostküste festzusitzen. Wir entsschleßen uns daher bereits heute die Etappe zu verlängern und zum Ausgangspunkt zurückzupaddeln. Und das stellt sich schon jetzt als gute Entscheidung heraus. Es folgt der schönste Abschnitt der Tour. Während der Wind sich legt, rollen die von den Nordwest-Winden der Vortage erzeugten Dünungswellen noch bis zu zwei Meter hoch heran. Sie brechen nur selten, sodass es paddlerisch angenehm bleibt, aber mal richtiges Seekajak-Feeling aufkommen lässt…

Auch die Winde, die ab der anschließenden Nacht über den Campingplatz in Acquaviva fegen und Gischt bis zu unseren 100m vom Strand entfernten Zelten pusten, geben unserer Entscheidung Recht. Bei den Brandungswellen, die über den ganzen Tag in der eigentlich recht geschützten Bucht auflaufen, wäre ein sicheres anlanden nur schwerlich möglich gewesen.

Vogalonga 2013

Die Vogalonga zieht seit fast vierzig Jahren tausende Wassersportler an. Hunderte Ruderboote, Paddelboote und venezianische Gondeln begeben sich einmal im Jahr am Pfingstsonntag gemeinsam auf eine Tour durch die Umgebung von Venedig. Auch für uns soll sie den Höhepunkt der Woche in der Lagune bilden.

Venedig_54

Unsere Wecker klingeln um 6:30 Uhr und nach den üblichen Vorbereitungen geht es vom Steg des Zeltplatzes nach Venedig. Schon auf dem Weg dorthin herrscht ziemlich viel Betrieb. Am Markusplatz angekommen sammeln sich schon hunderte Kajaks, Kanadier, Drachenboote, Ruderboote und Gondeln erwartungsfroh auf den Start. Diesen markiert ein Kanonenschuss, der ein Raunen und Jubeln durch die Menge gehen lässt, woraufhin sich der Pulk auf den knapp 30 km langen Weg macht.

Venedig_64 Venedig_59 Venedig_67 Venedig_66

Das Wetter lässt in diesem Jahr zu wünschen übrig. Der Himmel ist wolkenverhangen. Trotzdem ist die Stimmung gut. Da es jede Menge zu sehen gibt, stören auch kaum einen die vielen Nadelöhre, durch die sich der Bootspulk immer wieder quälen muss. An San Erasmo vorbei geht es Richtung Murano, wo die ersten Versorgungsschiffe auf uns warten. Hier macht sich das tagelange Balltraining bezahlt. Die zugeworfenen Bananen fangen wir anders als andere Mitpaddler gewohnt souverän. Der ein oder andere Paddler nötigt uns trotzdem einigen Respekt ab, wie er mit Wildwasserboot von Heckwelle zu Heckwelle paddelt. Nach einem kurzen Stopp auf San Caterina geht es weiter Richtung Murano. Die Paddlerwelt ist klein. So treffen wir dort auch verschiedene Padler aus Berliner Nachbarvereinen.

Venedig_68 Venedig_71 Venedig_73 Venedig_77 Venedig_78 Venedig_81

Als wir nach Venedig über Tre Archi einfahren wollen, geht nichts mehr. Hier stauen sich die großen Boote und verkeilen sich immer mehr. Das Tempo sinkt mit steigender Stimmung. Insbesondere die lautstarken Drachenboote sorgen für gute Stimmung im Kanal. Als Kajaker nutzen wir immer wieder die Chance, an den großen Booten vorbeizuschlüpfen und erreichen irgendwann den Canale Grande, auf dem es deutlich leerer ist. Anlässlich der Vogalonga ist er für den Motorbootverkehr gesperrt. Immer wieder feuern uns Venezianer aus ihren Fenstern und Beoabachter von den vollbesetzten Brücken und Piers an. Fröhlich beschwingt geht es so auf den Markusplatz, wo der durch die grandiose Kulisse und die schiere Masse der muskelbetriebenen Boote beeindruckende Rundkurs endet.

Venedig_82

Paddeln auf’s durchlauchtigste – eine Woche in der Lagune von Venedig

Ankunft und erstes Beschnuppern

venedig_blog_01Von der Nordsee aus führt uns unsere nächste Urlaubsetappe nach Venedig. Vor der Vogalonga, die den Wochenabschluss bilden soll, wollen wir mit Freunden aus dem TKV noch eine Woche in der Lagune verbringen. Nach den kühlen Bedingungen auf Spiekeroog, 14 Stunden Autofahrt und einer eher unruhigen Nacht im vollbepackten Auto freuen wir uns über die immer kräftiger strahlende Sonne und steigenden Außentemperaturen. Über die erst 1846 als erste Festlandsverbindung erbaute Brücke erreichen wir den Fährhafen von Venedig, wo die Fähre zum Lido bereits abfahrbereit liegt. Am dortigen Campingplatz sind wir mit dem per Flugzeug angereisten Rest der Gruppe verabredet. Mit der Fähre durch Venedig, direkt am Markusplatz vorbei geht es bei frühlingshaften Temperaturen auf den Lido zu. Nahezu zeitgleich mit dem Rest treffen wir am Zeltplatz ein, der noch reichlich leer ist, sich aber im Laufe der Woche füllen soll. Nach dem Aufbau der Zelte und des Faltboot-Zweiers entschließen wir uns noch zu einem kurzen Abstecher nach Venedig und paddeln zum ersten Mal an Gondolieri vorbei durch die eher touristisch geprägten Kanäle bis zur Rialtobrücke über den Canale Grande.

venedig_blog_02Man merkt der Stadt sofort an, dass Geschichte und tägliches Leben der Venezianer eng mit dem Wasser verbunden ist. Die Lieferung der Ikea-Schränke erfolgt hier schon mal per Boot, genau wie die letzte Fahrt zur Friedhofsinsel San Michele. Unsere Kajaks gleiten vorbei an den Prachtbauten von Kaufleuten, Kirchen, Palästen und den allgegenwärtigen Bogenbrücken durch die engen Kanäle. Überall atmet man den Duft dieser Geschichte, der leider immer mal wieder durch den eher unschönen Geruch des Wassers überdeckt wird. An den meisten Gebäuden nagt neben dem Zahn der Zeit auch das allgegenwärtige Nass. Zwischen all den Booten – vom Fischer, Transportschiff, Gondoliere, Vaporetto, Ambulanzschiff bis hin zu großen Fähren und Kreuzfahrtschiffen – ist Seekajakerfahrung von Vorteil, da sich teilweise ziemlich kabbelige Wellen bilden.

Ton in Ton

venedig_blog_03Der zweite Tag soll uns ein Stück in die 550 Quadratkilometer große Lagune mit ihren zahllosen Inseln führen. Jede dieser Inseln hat eine individuelle Prägung verbunden mit einer Spezialisiertung in der Handwerkskunst oder etwa als Insel für Klöster. Direkt gegenüber von unserer Einsetzstelle liegt die Festungsinsel Le Vignole mit der alten Festung San Andrea, von der berichtet wird, dass in der gesamten Geschichte Venedigs kein ungebetenes Schiff vorbeifahren konnte. Am Porto di Lido, der nördlichsten der drei Durchfahrten zur offenen Adria geht es vorbei Richtung Burano. Schon seit längerem wird hier an einem gigantischen Tor zum Schutz der Lagunenstadt vor immer häufigeren Überflutungen gearbeitet. Dieses Projekt „Mose“ markiert das neueste Kapitel in der langen Geschichte des Ringens der Venezianer mit den Naturgewalten der Adria um ihr Land. Weil die dadurch behinderte Selbstreinigung der Lagune durch Austausch mit frischem Wasser aus dem Meer beeinträchtigt wird, ist dieses Mammutprojekt naturgemäß stark umstritten.

venedig_blog_05Hier am Porto ist der Tidenstrom am stärksten und hilft uns ab jetzt. Vorbei an San Erasmo, dem Gemüsegarten von Venedig geht es jetzt flott voran. Die Fahrwasser sind in der Lagune durch große Dalben markiert: als Dreibein fest miteinander verbundene Baumstämme markieren die Seiten, die jeweilige Innenseite ist durch ein nummeriertes Schild gekennzeichnet. Ziemlich schnell liegt Burano zu unserer Linken – schon bei einem ersten Abstecher durch ihre Kanäle begeistern die Häuser des Städtchens durch ihre farbenfrohen Fassaden. Jedes Haus scheint seine individuelle, kräftige Farbe zu haben. Bei einem Landgang setzt sich dieses Farbenspiel in den Gässchen fort. Sogar die vor dem Häusern abgestellten Plastikmülleimer sind farblich auf den hauseigenen Farbton abgestimmt.

venedig_blog_06Burano ist für seine gehäkelten und geklöppelten Spitzenstoffe bekannt, die zumindest die mitpaddelnden Damen in Entzücken versetzen und zu Spontankäufen verleiten. Nach einem kleinen Mittagssnack, Spaziergang über die Insel zum schiefen Kirchturm und einer kurzen Siesta im Schatten geht es weiter zur Nachbarinsel Torcello.

Einst soll dies mit 50.000 Einwohnern die Hauptinsel der Lagune gewesen sein. Zwischenzeitlich laden statt der ehemaligen Märkvenedig_blog_07te, Paläste und Kirchen nur noch eine Basilika, vereinzelte Häuser und umliegende Gärten zum Verweilen ein. Diese versprühen aber herrlich italienisches Flair bei frühlingshaften Temperaturen. Mittlerweile läuft das Wasser wieder aus der Lagune und hilft uns damit erneut auf unserem Rückweg Richtung Lido. Zügig geht es vorbei an der Insel Madonna del Monte. Auch hier zeugen nur noch Ruinen von der ehmaligen Nutzung. Zwischenzeitlich erobert sich der stete Wechsel von Ebbe und Flut Stück für Stück die Insel zurück.

venedig_blog_04Um abzukürzen halten wir uns nicht allzu streng an die Fahrwasser, werden dabei aber immer wieder von einzelnen Inseln „überrascht“, die trotz Bebauuung nicht auf unserer Karte der Lagune eingezeichnet sind. Meist handelt es sich dabei jedoch um die weitläufigen Salzwiesen – artenreiche Feuchtbiotope, die sich einiger Berühmtheit erfreuen und als „Lungen der Lagune“ Unmengen Wasser speichern und filtern.

Glasbläser und Gummibälle

venedig_blog_10Am dritten Tag fahren wir von Norden nach Venedig herein. Linker Hand hinter hohen roten Backsteinmauern passieren wir das Arsenal, das früher das größte Schiffsbauzentrum Europas war. Wenig später das Krankenhaus der Stadt, an dem immer wieder Boote mit Blaulicht und Signalhorn an- und ablegen. Durch die Kanäle schlängeln wir uns Richtung Rialtobrücke. In deren unmittelbarer Nähe liegt das Organisationsbüro der Vogalonga, wo wir uns noch für die Fahrt am Sonntag anmelden wollen. Nach Erledigung dieser Formalitäten und mit gesteigerter Vorfreude fahren wir am Bahnhof vorbei in nördlicher Richtung aus der Stadt hinaus. Vor uns erstreckt sich nun hinter Ziegelmauern die berühmte Friedhofsinsel San Michele.

venedig_blog_08Aus hygienischen Gründen und entsprechend der üblichen Spezialisierung innerhalb der Inselwelt haben die Venezianer Bestattungen auf diese Insel beschränkt. Direkt hinter San Michele erstreckt sich nun Murano vor uns. Aus Angst vor Bränden wurden hierhin im 11. Jahrhundert die venezianischen Glasbläser verlagert. Auch wir nutzen die Gelegenheit und legen im Zentrum von Murano an, um bei einem Landgang in den Auslagen der Geschäfte die traditionelle Handwerkskunst zu bewundern. Persönlicher Höhepunkt meiner Murano-Fahrt ist der Fund eines treibenden Gummiballs, der mich die nächsten Tage begleiten wird. Er wird zur Einführung des „Venediger Brückenwurfs“ führen und als Poloballersatz zur Konditionierung von Christoph führen, der die folgenden Tage nach jedem Gegenstand hechten wird, der kurz vor seinem Boot platschend ins Wasser fällt. Kurzzeitig müssen auch springende Fische befürchten reflexhaft gegriffen zu werden. Zurück geht es erneut durch die Kanäle. Aufs Geratewohl biegen wir durch die Kanäle und fahren auch durch weniger touristische Gebiete. Immer wieder liegt jedoch der Canale Grande am Ende dieser Kanäle. In der eher kleinen Stadt scheint er sich wie die Hauptschlagader durch Vendig zu ziehen.

Einmal Markusplatz und zurück

Anfahrt_MarkusplatzHeinrich Breidenbachs nautischer Reiseführer „Die Lagunen von Venedig – Grado“ meint, „Venedig auf eigenem Kiel anzulaufen und bis vor den berühmten Markusplatz zu fahren, ist ein großartiges Erlebnis“. Damit hat er völlig Recht. Nach einem Blick auf die Hochwasserprognose setzt sich bei uns aber die Idee fest, auf (!) den Markusplatz zu fahren. Zeitpunkt und Höhe der Tide werden in der Lagune offensichtlich weit mehr von der Wetterlage als von astronomischen Konstellationen beeinflusst. Die Stadt Venedig gibt dazu eine sehr interessante Übersicht heraus, die mehrmals täglich aktualisiert wird. Während unseres Aufenthalts in der Lagune konnte es da auch schonmal passieren, dass ein Hochwasser „ausfiel“. Für heute ist – offensichtlich bedingt durch den starken Wind, der schon nachts unsere Zelte ordentlich durchgerüttelt hat – ein Hochwasserstand von über einem Meter angekündigt. Ab 80 cm wird der Markusplatz überspült, worauf der Bulletin der Stadt freundlicherweise ebenfalls hinweist.

SeufzerbrückeNach anfänglichem Zögern, ob wir uns bei dem starken Wind tatsächlich auf’s Wasser trauen sollen, siegen Neugier und Abenteuerlust. Also geht es vom Zeltplatz auf dem Lido aus Richtung Venedig. Um dem Wind nur eine möglichst kurze Zeitspanne voll ausgesetzt zu sein, nutzen wir jede sich bietende Insel als Schutz und genießen schließlich die Ruhe in den Kanälen Venedigs zum Verschnaufen. Unter der Seufzerbrücke hindurch deutet sich bereits an, dass der Wellengang auf dem Canale Grande noch einmal eine ganz andere Qualität hat als in der übrigen Lagune. Die Wellen schlagen reflektiert von Mauern und Schiffen erbarmungslos und aus allen Richtungen hoch. Bei den Kapitänen der Passagierschiffe gibt es eigentlich nur zwei Reaktionen auf unser Eintreffen: die Hände werden über dem Kopf zusammengeschlagen oder wir werden fotografisch festgehalten. Von hier aus sehen wir, dass der Markusplatz nicht so stark überflutet ist wie erhofft. Es gibt allerdings einen Zugang über einen Säulengang, auf den ich – PE-Boot sei dank – ohne großes Zögern auffahre. Das Paddelglück währt allerdings nicht lang und es heißt mangels Tiefgang aussteigen. Während Christoph und Michael hinter mir den gleichen Weg nehmen, werfe ich einen Blick um die Ecke auf den Markusplatz, wo ich Menschen in knietiefem Wasser waten sehe. Im Zentrum scheint der Platz also tiefer gelegen zu sein. Christoph muss nicht lange überzeugt werden, am Boot anzupacken und es gemeinsam genau dorthin zu tragen.

Markusplatz_1Sobald das Boot wieder die sprichwörtliche Handbreit Wasser unter dem Kiel hat, heißt es für mich einsteigen und mit ziemlich flachen Paddelschlägen weiter auf die Kirche San Marco zufahren. Jetzt kommen meine dreißig Sekunden Ruhm. Während man in Venedig als Paddler schonmal häufiger fotografiert wird, steht jetzt rund um den überfluteten Markusplatz eine lange Kette von Touristen und löst ein Blitzlichtgewitter aus. Während ich diese Kulisse genieße, werde ich durch einen ziemlich lauten Pfeifton aufgeschreckt und springe reflexartig aus dem Boot. Zwei Polizisten in neongelben Westen scheint mein Treiben offenbar nicht so sehr zu gefallen wie mir. Beide stehen trockenen Fußes an der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Nach kurzem Blickkontakt drehe ich mein Boot und will von dannen ziehen. Einer der Polizisten winkt mich jedoch heran. Unschlüssig, ob ich dem nachkommen soll, konsultiere ich Christoph. Der meint recht trocken: „Sollen sie uns doch holen kommen!“. Ein weiterer Blickkontakt mit den Polizisten. Der zweite Carabinieri winkt jetzt ab. Das heißt dann wohl 2:1 – wir machen die Biege. Treidelnd und tragend wird das Boot wieder zur Einstiegsstelle bewegt und die Heimreise zum Zeltplatz angetreten. Mission accomplished.

Frischwasser!

venedig_blog_11Der Wind des vergangenen Tages hat noch nicht ganz nachgelassen und bläst immer noch recht stark von der Adria auf die Lagune zu. Das wollen wir nutzen, um durch den Porto di Lido aus der Lagune herauszufahren. Hier erwarten uns Wellen zwischen 1,50 und 2 Metern. Herrliche Bedingungen, um etwas zu spielen und vor allem ein wenig zu rollen, was wir in der Lagune mit ihrer eher begrenzten Wasserqualität tunlichst vermieden haben.

venedig_blog_12Nach Rückkehr und Mittagspause sollen heute die eher abgelegenen Viertel rund um das jüdische Getto unser Ziel sein. Hilfsbereite Damen, die ganz wie überall auf der Welt gern aus dem Fenster schauen, wollen uns partout den Weg zum Canale Grande weisen. Nach kurzer Diskussion können sie aber auch mit einer groben Richtung zur Synagoge aushelfen. Auf dem Rückweg über den Canale Grande positioniere ich mich wie schon einige Male zuvor im Heckwasser eines gerade ablegenden Wasserbusses. Der meint es mit seinem Gaspedal plötzlich allerdings sehr gut und erzeugt eine Strömung, in der mich eine hohe Stütze nur noch gerade eben vor einer Kenterung rettet. Nachdem ich das Boot wieder stabilisiert habe, rufe ich Catharina noch zu, nicht in die Nähe des Schiffes zu kommen. Sie stützt aber ebenfalls bereits sicher und wird eindrucksvoll mehrere Meter zur Seite versetzt. Wie gesagt, macht sich in Venedig das ein oder andere Mal Seekajakerfahrung bezahlt.

venedig_blog_09Nach ein paar Tagen in der Stadt ergänzen sich die bisherigen Ecken zwischenzeitlich gut und wir merken immer mehr, wie überschaubar groß Venedig ist. Die daraus resultierende Frage, wieviele Einwohner die Lagunenstadt eigentlich hat [58.901 im historischen Zentrum], markiert die Geburtsstunde der Wikipedia-Rolle für den fortgeschrittenen Kajak-Geek: statt Paddel hält dieser ein wasserfestes Smartphone in der Hand und bekommt eine Stadt zugerufen. Nach der Kenterung hat er unter Wasser Gelegenheit, dies nachzuschlagen, rollt hoch und präsentiert die Antwort. Von der sofortigen praktischen Umsetzung sehen wir angesichts der Wasserqualität ab behalten dies aber für einen späteren Termin fest im Blick.

Zurück geht es vorbei am Klosterkomplex auf der Insel San Giorgio mit eindrucksvollen Bauten und idyllischen Parkanlagen sowie San Servolo, auf der noch bis 1978 eine grausame Irrenanstalt betrieben wurde. Heute ist Freitag und der Zeltplatz hat sich in unserer Abwesenheit bis zum bersten mit Paddlern & Ruderern aus halb Europa gefüllt. Immer wieder hört man das Stichwort Vogalonga und die T-Shirts der vergangenen Jahre werden präsenter. Auch bei uns steigt die Vorfreude kontinuierlich […]venedig_blog_14

Empfehlenswerte Literatur

Neben den üblichen Reiseführern ist der nautische Reiseführer von Heinrich Breidenbach „Die Lagunen von Venedig – Grado“ lesenswert. Er richtet sich mit den Revierbeschreibungen zwar in erster Linie an Segler, ist aber auch für Kajaker nützlich und hält auch einige Tourenvorschläge bereit. Blättert man durch den Reiseführer merkt man auch immer wieder, welche Vorteile die Erkundung der Lagune per Kajak hat: an vielen Stellen, an denen größere Schiffe nicht willkommen sind oder gar nicht anlanden können, konnten wir problemlos anfahren.

Himmelfahrt auf Spiekeroog (EPP 3)

epp_spiekeroog-01 Über den Europäischen Paddelpass (EPP) wurde an anderer Stelle schon einiges geschrieben und diskutiert. Nachdem wir in den letzten Jahren schon das eine oder andere Mal auf eigene Faust auf Ostsee und dänischer Südsee und in erfahrener Begleitung auf der Nordsee unterwegs waren, war in diesem Jahr Ziel, unsere Kenntnisse und Fähigkeiten in Theorie und Praxis zu vertiefen. Der EPP 3 schien uns dazu als geeignet und wurde von erfahrenen Vereinskollegen wärmstens empfohlen. Angeboten werden die drei Kursbestandteile (Theorie, Brandungstraining & Einweisungsfahrt) von DKV-Küstenreferent Udo Beier. Udo ist ein Unikat, Erfinder der brechenden Schwimmbadwelle und von Freya Hoffmeister. Er hat schon einiges erlebt und erpaddelt – und teilt dieses Wissen gern.

epp_spiekeroog-07Nach dem lehrreichen, aber trockenen Theorieworkshop und vor dem kältebedingt auf später im Jahr verschobenen Brandungspaddeln sollte unsere Einweisungsfahrt in die Nordseegewässer rund um Spiekeroog gehen. „Einweisungsfahrt“ klingt arg dröge, ist aber eine schöne Gepäcktour, bei der reihum alle Teilnehmer mal die Gelegenheit bekommen, Udo ein paar Tonnen zu zeigen, Kurse zu bestimmen und weibliche Austernfischer am Klang des Flügelschlags von männlichen Eiderenten zu unterscheiden. Wir jedenfalls starten, wie wir es im Rahmen der zuvor angefertigten Hausaufgaben berechnet hatten, mit dem Hochwasser in Neuharlingersiel. Mit uns haben sich weitere gut hundert Seekajaks zum Himmelfahrtstreffen der Salzwasserunion auf Spiekeroog aufgemacht. Die Wetterprognosen sind nicht wirklich ideal: recht frisch und ziemlich starker Wind aus Südwest. Nachdem die Nasen kurz über den Deich gehalten wurden, ergab die allgemeine Stimmung, dass wir von der Umrundung von Spiekeroog heute noch absehen und uns direkt am Fahrwasser entlang nach Spiekeroog auf den Weg machen. Kurz vor Spiekeroog werden wir unerwarteterweise von der Fähre Langeoog II aufs Korn genommen. Sie und ihren plötzlichen Kurs auf Langeoog hat dort niemand erwartet. Nach dem Schrecken und verschiedenen Schleppübungen gönnen wir uns im Hafen von Spiekeroog erstmal eine Pause. Um noch ein wenig zu paddeln, geht es anschließend noch nicht direkt zum Zeltplatz, sondern das Gatt nach Langeoog wird gequert und wir vertreten uns dort auf trocken gefallenen Sandbänken die Beine. Jetzt aber rüber zum Zeltplatz, vor dessen Dünen sich schon beeindruckend Kajak an Kajak reiht – knapp 150 sollen es bei einer inoffiziellen Erhebung sein. Bei keinem Testival bekommt man wohl mehr Vielfalt geboten.

epp_spiekeroog-13Wegen der Windprognosen spricht alles für ein Standquartier auf Spiekeroog. So richtig traurig ist darüber niemand – nur aus dem geplanten Besuch von Baltrum wird daher wohl leider nichts. An Tag zwei wird erneut die Umrundung von Spiekeroog angepeilt. Es bleibt bei 5er-Wind aus Süd-West. Nicht eben ideal. Vor Spiekeroog West steht Brandung. Der Start der neunköpfigen Gruppe zieht sich daher ein wenig hin. Der ein oder andere wird bei den angesetzten Stützübungen immer wieder an Land gespült. Die Tour wird daher recht schnell abgesagt und in Brandungsübungen umgewidmet. Jetzt heißt es kanten, surfen, stützen und rollen. So werden aus der geplanten Umrundung nur knapp sechs Kilometer auf und ab – die aber ständig am Anschlag und zusätzlich mit der Gelegenheit, das Verhalten des eigenen (leeren) Bootes ausgiebig in der Brandung zu testen. Leider wirft mich der letzte Surf an Land in guter Tradition um. Die anschließende souveräne Rolle begeistert den Chef („Hallenbad Rolle rechts“) aber nachhaltig. Der Rest des Tages wird mit Landgang an Primär-, Sekundär- und Tertiärdünen vorbei ins idyllische Örtchen gefüllt, wo bei Kaffee und Kuchen ein kurzer Hausaufgaben-Check erfolgt.

epp_spiekeroog-27Tag drei: zum dritten Mal wird die Umrundung von Spiekeroog angepeilt. Wir einigen uns darauf, dass die Prognose von Windfinder die richtige sein muss, da sie uns weniger Wind und Regen als die Alternativen bereithält. Mit auflaufendem Wasser paddeln wir über das Harlesieler Wattfahrwasser Richtung Hafen Harlesiel. Westlich vom Leitdamm erreichen wir einen kleinen Strand und waten durch kniehohen Schlick an Land. Standesgemäß gibt es zum Mittag reichlich Fisch geräuchert oder in Bierteig frittiert. Udo schrammt unterdessen knapp an Harlesiel-Verbot wegen wiederholter Beleidigung von Kundinnen des Fischstands vorbei.

Entlang des Harlesieler Leitdamms und des Fahrwassers steuern wir jetzt Wangerooge an, wo wir einen kurzen Zwischenstopp einlegen wollen. Die Strecke legen wir in Rekordzeit zurück, da uns Strömung und Surfwellen kräftig nach Nordwesten schieben. Unterwegs ziehen wir die Aufmerksamkeit von zwei Dutzend Seehunden auf uns, die rund um die Gruppe von Kajakern immer wieder einzeln oder in kleinen Gruppen auftauchen. Erwischt habe ich das fotoscheue Pack gleichwohl nicht richtig.

epp_spiekeroog-47Von Wangerooge aus geht es jetzt auf die heutige Königsetappe: auf der Seeseite von Spiekeroog entlang. Wir paddeln gegen den Wind, der langsam auf West gedreht hat und immer noch gute fünf Windstärken hat. Teilweise geht unsere Geschwindigkeit auf kapp 2 km/h runter. Richtig garstig wird es, sobald der für vier Uhr angesagte Regen mit deutlicher Verspätung um 16:03 Uhr einsetzt. Die Regentropfen prasseln auf Wasser und vor allem ins Gesicht, was sowohl Sicht als auch Vorankommen deutlich erschwert. Als der Regen nach einer guten Stunde erst nachlässt und anschließend ganz aufhört, haben wir trotzdem schon eine gute Strecke zurückgelegt. Jetzt ergibt sich auch die Gelegenheit, immer mal wieder in die vereinzelten Brandungszonen zu paddeln und ein wenig zu surfen und spielen. Zum Ende hin zieht sich die Strecke dann allerdings, da die Robbenplate bereits deutlich trocken gefallen ist und umrundet werden muss. Teilweise ist die eigentliche Insel hinter dem hohen Watt nicht mehr zu erkennen. Als der Zeltplatz endlich in Sichtweite ist, wird – nicht unbedingt zur Freude aller Teilnehmer – noch ein kurzer Gang auf die Wattfäche eingelegt, die sich beeindruckend weit vor die Insel gelegt hat und nur durch kleine Rinnsale unterbrochen wird. Jetzt sind es nur noch ein paar hundert Meter bis zur Wattkante vorm Zeltplatz bis wir endlich wieder die Bootswagen auspacken und an Land rollern dürfen.

epp_spiekeroog-40Für die Rückfahrt am Sonntag halten sich sowohl Windstärke wie auch Windrichtung. Da wir noch den Janssand umfahren wollen, halten wir zunächst auf Langeoog zu und damit in den Wind. Als wir den angesteuerten Prickenweg erreicht haben, werden wir dafür aber mit Rückenwind belohnt und können für gut fünf Kilometer immer wieder einen guten Surf genießen. Westlich vom Leitdamm beenden wir auf einem kleinen Strand unsere Tour.

Nachklapp: Udo hat die Tour im Kanu-Forum weiter erläutert.

Skegs raus, wir surfen nach Fehmarn! – Kalte Ostern an der Ostsee

Den Fehmarn-Urlaub haben wir geplant, als der Winter eigentlich fast schon vorbei schien. Wer wollte da schon damit rechnen, dass es nochmal richtig knackig kalt werden kann. Spötter meinten nun im Vorfeld, wir sollen uns eher auf Schlittschuhlaufen einstellen oder beginnen, uns für Expressionisten zu erwärmen. Da die Boote nach der Aller-Hochwasser-Rallye nun eh auf dem Dach waren, kamen sie erstmal mit. Das Wetter konnte ja nur besser werden…

Fehmarn Transport Seekajaks verschneite StraßeFehmarn Schnee Seenotrettung DüneFehmarn Buhne Eis Winter

Fehmarn Wellen SonnenuntergangFehmarn Sund Brücke SonnenuntergangNachdem an den ersten Tagen tatsächlich Stadt- und Strandspaziergänge die sportlichen Höhepunkte bildeten, zog es uns bei langsam nachlassendem Wind dann doch irgendwann auf’s Wasser. In unseren Trockenanzügen mit 2-3 Lagen Fleece wahrscheinlich besser verpackt als die Kitesurfer, die am Nordstrand ihre Bahnen zogen, und mit der obligatorischen Sicherheitsausrüstung ging es direkt von der Ferienwohnung aus über den Deich an die Südküste Fehmarns. Der Wind blies mit einer guten 4er Windstärke aus Ost. Um nicht Gefahr zu laufen mit dem Wind freudig hinfortzusurfen und irgendwann nicht mehr zurückzukommen, paddelten wir zunächst gegen den Wind an. So richtig Freude kam dabei nicht auf – wir erreichten kaum eine Geschwindigkeit von 3 km/h. Nach einer guten halben Stunde hieß es daher: „Skegs raus, wir surfen zurück nach Fehmarn!“ und anschließend Auftauen im Hallenbad.

Fehmarn Wellen Seekajak Sund BrückeFehmarn Wellen Seekajak Sund BrückeFehmarn Wellen Seekajak SurfGlücklicherweise wurde es zum Osterwochenende hin doch ein wenig wärmer, die Sonne zeigte sich immer häufiger und der Wind drehte langsam auf Nord. Die Insel bot uns also für zwei weitere Touren zum Flügger Leuchtfeuer und auf den Burger Binnensee nach Burgstaaken hinreichend Windschutz. Das Wasser war fast zu glatt, um wirklich Spaß aufkommen zu lassen. In Anbetracht der Luft- und Wassertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, waren es aber ideale Bedingungen für die ersten Salzwasserkilometer der neuen Saison.

Fehmarn Seekajak SüdstrandFehmarn Seekajak Binnensee Burg EisFehmarn Seekajak Fischkutter Möwen

Vom Eise befreit – schön wär’s: Aller-Hochwasser-Rallye 2013

Da setzt man einmal auf den Klimawandel und freut sich Ende März auf frühsommerliche Temperaturen inmitten der blühenden Bananenhaine im Aller-Leine-Tal, da überrascht der Spaßkopp mit einer Kältewelle allererster Kajüte. Trotzdem steht auch in diesem Jahr die Aller-Hochwasser-Rallye als Saisonauftakt auf dem Programm. Während im letzten Jahr fast T-Shirt-Wetter war, sind diesmal für uns Trockenanzüge mit ordentlich Fleece drunter Pflicht.

Start Aller Hochwasser RallyeFrühmorgens auf dem Weg zum Bustransfer zur Einsatzstelle erhöht das NDR2-Team die Laune mit der Information, dass dies der kälteste 23. März seit 1899 ist. Die 1000 kcal Müsli im Bauch grummeln. Die Stimmung im Bus steigt, als wir einen Schwarm Kraniche passieren, die auf den Feldern um Verden pausieren. An deren Stelle wäre ich ja im Süden geblieben. Muss aber jeder selber wissen.

Bei -3 Grad Lufttemperatur packen wir an der Einsatzstelle in Hodenhagen unsere Boote fertig. Immerhin gewinnt die Sonne zunehmend an Kraft. Der Wind kommt mit 5er Stärke aus Ost, was ziemlich ideal ist und meistens Rücken- oder leichten Seitenwind verspricht… würde sich die Aller nicht auch mal nach Osten schlängeln. Als die Boote nahezu fertig sind, gibt es eine Explosion direkt über unseren Köpfen. Ich fühle mich an unsere Neujahrstour erinnert und drohe in Ohnmacht zu fallen. Schnell wird aber klar, dass es sich nur um den Startschuss handelt – also in die Boote und los!

Zwischenstop Aller Hochwasser RallyeCatharina treibt schon rasant die Aller hinunter, als ich im Boot bin und ziemlich schnell einen Anfängerfehler bemerke. Beim letzten Hallentraining in der Woche zuvor hat offenbar jemand mit noch kürzeren Beinen meine Fußrasten verstellt. Schon nach der ersten Kurve ist das erste Bein eingeschlafen. Ich kündige also sofort an, dass wir bei nächster Gelegenheit wieder ranfahren müssen. Catharinas Vermutung einer schwachen Blase weise ich empört von mir. Also laufen wir das nächste Kehrwasser an, ich raus aus dem Boot, Fußstützen 10 cm nach vorn und völlig verdreckt wieder rein ins Boot. Zu diesem Zeitpunkt ist meine Spritzdecke bereits völlig vereist. Wer hat nochmal behauptet, Paddeln würde Spaß machen?

Aller Hochwasser Rallye SchneeJetzt aber wirklich los! 54 km liegen noch vor uns. Wo wir im letzten Jahr die ersten sprießenden Knospen bewundern durften, liegt jetzt noch Schnee. Das Wetter hat wohl so manchen abgeschreckt. Das Feld ist deutlich kleiner, aber immerhin noch dreihundert Mitstarter sollen es sein. Ziemlich respektabel! Wind und Strömung treiben uns jetzt mit guter Geschwindigkeit Richtung Verden. Nach zwei Stunden Paddelei durchs norddeutsche Flachland ist die erste Snackpause angesagt. Auf Aussteigen hat keiner von uns beiden Lust, da wir bei Temperatur und starkem Wind sicher schnell auskühlen würden – also wird auf dem Wasser gegessen, während uns die Strömung weitertreibt. Catharina hält sich an ihre gefrorenen Bananen, während für mich Schokoriegel und Wasser-Sorbet aus der Trinkblase auf der Menükarte stehen. Fun fact: ein Snickers hat im gefrorenen Zustand wohl genug Luftblasen, dass es mit kräftigen Bissen in viele Einzelteile zerfällt, während das günstigere Lidl-Generikum einen soliden Klumpen aus gefrorenem Süßzeug bildet, den man gewaltsam zertrümmern und dann lutschen muss.

IMG_0023Wie schon erwähnt fließt die Aller auf ihrem Weg nicht immer Richtung Nordwest, sondern auch mal direktemang nach Osten. Man erinnere sich: daher kommt der Wind mit Stärke fünf. Und wenn Wind auf gegenläufige Strömung trifft, gibt das Wellen. Hier wird das Feld plötzlich sehr viel dichter. Viele suchen ihr Heil am Flussrand. Allerdings ist dort die Strömung geringer und in den Kehrwassern sogar gegenläufig. Die Stunde der Seekajaks ist gekommen. Elegant tanzen sie auf den Wellen und nutzen dabei die Strömung wohl ideal aus. Ebenfalls als von Vorteil erweist sich hier mein Grönlandpaddel, was mir einige neidische Kommentare einbringt. Unter diesen Bedingungen bietet es tatsächlich nicht so viel Windangriffsfläche wie die Euro-Löffel. Leider war zu diesem Zeitpunkt der Auslöseknopf meiner Kamera eingefroren und ich hatte nicht so richtig Muße, mit meinen durch den Wind ebenfalls gefrorenen Händen weiter zu versuchen, die Knipse in Betrieb zu nehmen. Der ein oder andere schien sich dieses Stück ein wenig länger gewünscht zu haben. Eine Abstimmung hätte wohl das Gegenteil ergeben. Später hören wir, an dieser Stelle seien auch zwei Paddler gekentert und mussten aus dem Wasser gefischt werden.

Aller Hochwasser Rallye Cockpit vereistWir folgen weiter den Windungen der Aller, die nur noch einmal ein kurzes Stück nach Ost mit dem entsprechenden Wellengang für uns bereithalten. Bei Kilometer 40 legen wir einen kurzen Landgang ein, da mein Sitzfleisch nicht mehr die gewohnte Kondition aufweist. Mein Sitzkissen hatte ich – ganz Ehrenmann – verborgt. Wir laufen in einen kleinen Hafen ein, in dem wir auch im letzten Jahr kurz pausiert haben. Kurz die Beine vertreten und eine Kleinigkeit gegessen, legen wir auch schon wieder ab. Waren die Hände eben noch recht warm, kühlen sie beim Boote tragen völlig aus. Ich beleidige mehrfach meine völlig vereiste Spritzdecke, die sich mit den steifen Fingern nicht schließen lässt. Der Wind treibt uns immer wieder fast unter eine Steganlage für Motorboote. Statt mir weitere Schimpfwörter für Wetter und Bootszubehör auszudenken, suche ich mir einen sicheren Halt und wärme die Hände notdürftig zwischen meinen Beinen. Mit der wieder gewonnenen Flexibilität lässt sich auch die Spritzdecke schließen. Zügig paddeln wir weiter, um nicht weiter auszukühlen. Jetzt sind es noch knapp 15 Kilometer, die sich ein wenig ziehen, aber am Ende kommt das Vereinshaus des WSV Verden dann doch plötzlicher als gedacht. Das Läuten der Glocke wird dicht gefolgt von einem ehrlichen Korn und hilfsbereite Helfer tragen unsere Boote an Land. Trotz klirrender Kälte war das eine herrliche Tour und ein von den Verdener Paddlern gewohnt gut organisierter Start in die neue Saison.

Nachklapp: Auf der Internetseite der Verdener Kreiszeitung findet sich eine Bilderstrecke zur Veranstaltung. Die Bilder 7 bis 12 zeigen unsere Ankunft in Verden.

Aller Hochwasser Rallye Eiszapfen