Eis frei! ins neue Jahr

Pünktlich zum Jahreswechsel hat Steven an den „wichtigsten Termin für die TKV-Winterpaddel-Gemeinde“ erinnert. Da Dänen nicht lügen und ich mir sowas selten zweimal sagen lasse, stelle ich mir den Wecker auch an diesem Neujahrsmorgen auf eine Zeit, die die meisten Mitbürger eher ungläubig zurück lässt. Dafür starte ich gemeinsam mit den ausgebufftesten Frühaufstehern des TKV, einem todsicheren Plan und der Aussicht auf einen grandiosen Sonnenaufgang ins neue Jahr. Außerdem lockt Rührei – das Frühstück der Champions. Da der Jahreswechsel auch in diesem Jahr wieder in den Winter fiel und Wasser bei jahreszeittypischen Temperaturen manchmal hart wird, konnten wir einmal mehr mit unseren Paddeln auf Eis einschlagen, um so manche Engstelle zu passieren (nicht zu Hause nachmachen!). Ich würde lügen, würde ich behaupten, das hätte keinen Spaß gemacht.

Zum sportlichen Teil: Die Statistik der Eierfahrt zum Weißen Schwan ist einfach. In den letzten vier Jahren ging der Titel des Jahresersten zweimal an den TKV und zweimal an die rückwärtsfahrenden Sportfreunde aus Birkenwerder. Welche Ausrede letztere auch immer anbringen (Eis gilt nicht), bis zum 31.12.2017 wird – allen kritischen Blicken und garstigen Kommentaren der Schwan-Belegschaft zum Trotz – eine kunstvoll von weitgereister Männerhand beschriftete Tafel den Notausgang des Schwans zieren. Wie ich schon anderenorts dokumentiert habe, sind Vorsätze nicht meins. Aber mit einem neuen Boot im Stall (der Trend geht zum Fünftboot!) und verschiedenen Plänen im Kopf, führt in diesem Jahr vielleicht eines zum anderen und hier erscheinen wieder mehr Beiträge.

Olympiasieger-Besieger – 1000Seen-Marathon 2014

Als großartige Veranstaltung zum Saisonabschluss hat sich in diesem Jahr wieder der 1000Seen-Marathon herausgestellt. Dieses Mal entscheide ich mich, auf der Marathondistanz anzutreten. Ein nur mäßig trainierter Sitzmuskel und die Eindrücke von der Langdistanz vor zwei Jahren lassen mich vor größeren Anstrengungen zurückschrecken. Die Wetterprognose geht auch in diesem Jahr von regnerischem Wetter aus – soll damit aber (wie in diesem Sommer häufiger) ziemlich daneben liegen. Meine Ansprüche schraube ich nicht allzu hoch. Auf dem Weg zur Diemitzer Schleuse und dem Start des Marathons erspähe ich einen schönen Holzkanadier. Zumindest vor dem möchte ich im Ziel sein. Der zweite Blick weist mich in meine Schranken, erkenne ich doch den Steuermann. Der heißt Andreas Dittmer und ist mehrfacher Weltmeister und Olympiasieger im Kanadier. Hmmm….

Ging es bei unserem Start vor zwei Jahren auf der Langstrecke sehr ruhig ab, ist das Startfeld heute deutlich größer und es wird ganz schön wellig. Ich freue mich, dass ich den Gedanken, mit einem deutlich flotteren Touringboot anzutreten, weggewischt habe. Während ich sicher im Seekajak sitze, kentert ein gutes Stück neben mir bereits ein Streamliner, dem sofort geholfen wird. Klasse! Auch im Kanal zum Vilzsee ist es voll und kabbelig. Ich paddle meine Geschwindigkeit, die nicht unbedingt hoch ist – ich will mich nicht gleich völlig verausgaben. Das Umtragen an der Fleether Mühle klappt dank freundlicher Unterstützung wunderbar und ich verliere wenig Zeit. Ich komme mit einigen Paddlern in lockere Gespräche. Von hinten kommt irgendwann der Kanadier mit Dittmer vorbei. Renntempo fährt der nicht. Dranbleiben kann ich aber momentan auch nicht. Schade.

Geht es also noch entspannter weiter. Ich lasse den ein oder anderen Zweier passieren und ermahne mich, dieses Mal auch die herrliche Natur zu genießen. Auch die Umtragung in Wustrow klappt wunderbar. Auf dem Plätlinsee ist das Feld vor mir wieder besser einzusehen – so weit hinten bin ich ja gar nicht. Vor allem erspähe ich ein rotes Shirt, das ziemlich hoch sitzt. Ich beschließe also, bis zur Schwaanhavel Boden gut zu machen. Schwaanhavel… da war doch was. Kurz: die flache und enge Schwaanhavel bremst natürlich wieder aus.

Ich komme in diesem Jahr aber erstaunlich gut durch und bin am Ausgang recht dicht an einer langgezogenen Gruppe und einem schönen Holzkanadier. Als ich zu diesem aufschließe, macht er gerade an der Fischräucherei am Drewensee fest. Ich höre noch, wie sich die Kanadierfahrer zurufen: „Oh Mist. Jetzt sind wir überholt worden.“ Oh ja – und den Sieg fahre ich jetzt nach Hause! Seit der Schwaanhavel läuft es überraschend gut. Kein Einbruch wie im letzten Jahr. So überhole ich einige weitere Mitpaddler. Ein Kajakfahrer mit Wingpaddel fragt interessiert, was das für ein Paddel sei, das ich da fahre und ob man damit tatsächlich vorwärts kommt. Nach einer kurzen Erläuterung lasse ich Taten sprechen und bin weg.

Ich lege mich auf eine Null-Stop-Strategie fest, schiebe mir Banane Nummer drei sowie Snickers Nummer zwei rein und nehme die nächste Gruppe auf’s Korn. Zweimal heißt es noch an Schleusen umzutragen und ein paar Kilometer abzureißen. Konstant treibe ich mein Kajak voran, kein Einbruch, ich wittere den Sieg. Nach der Canower Schleuse schaue ich mich hin und wieder um. Mit etwas Abstand paddeln da ein paar Kajaks – kein Kanadier. Beschwingt biege ich daher um die Ecke und das Zielfloß kommt in Sicht. Ich lege nochmal ein wenig drauf und ziehe beherzt am Stock. Das war’s. 5:43. Olympiasieger-Besieger!

Grönlandtechnik mit Greg Stamer

Die besten Texte zur Paddeltechnik mit dem Grönlandpaddel stammen von Greg Stamer. So war ich einigermaßen begeistert, dass Seakayaking Germany ihn für eine Workshopreihe in Flensburg gewinnen konnte. Mein Hauptinteresse galt der Technik mit dem Paddel – trotzdem ließ ich mich überzeugen, auch am Rollen-Workshop für Fortgeschrittene teilzunehmen. Und das hat sich definitiv gelohnt. Mir geht es aktuell weniger darum, irgendwelche neuen Arten von Rollen in verrückten Körperhaltungen und Paddelpositionen zu erlernen. Vielmehr will ich die Standardrollen, die ich schon beherrsche, festigen und weiter perfektionen. Greg hat schon mehrmals an den Greenland Kayaking Championships teilgenommen und in Grönland von Grönländern gelernt. So hat er einen guten Blick für Details und kann auch Hintergründe der einzelnen Rollen gut vermitteln. Einige seiner prägnanten Kommentare wie „der Teil ist nur für die Show“ oder „dafür würden sie Dir während der Championships Punkte abziehen“ haben definitiv geholfen, die Rollen eleganter aussehen zu lassen und gleichzeitig zusätzliche Sicherheitsaspekte zu integrieren.

Der für mich viel interessantere Teil waren aber die zwei folgenden Tage, in denen es mal nicht darum ging, was die meisten Paddler mit dem Grönlandpaddel machen – nämlich rollen. Vielmehr standen die Grundlagen der Fortbewegung, Manövrieren und Stützen auf dem Programm. Mein erklärtes Ziel, Hinweise für einen effizienteren Vorwärtsschlag zu bekommen und damit das Geschwindigkeitspotenzial zu steigern, haben sich voll erfüllt. Ich fahre nach Hause mit einer längeren Liste von Optimierungspotenzial und einem tieferen Verständnis für Bewegungsabläufe und Wirkungsweise des Paddels. Daraus ergeben sich viele Punkte, die ich bei Gelegenheit in meine Rubrik zur Grönlandtechik einarbeiten werde. Zusätzlich haben sich mir noch Sachen erschlossen, die ich vorher noch nicht wirklich probiert hatte, insbesondere verschiedene Formen von Bugrudern. Unter dem Strich: ein großartiges Wochenende mit vielen Aha-Effekten und einem großartigen Coach in sehr angenehmer Runde von Mitpaddlern.

Björn von liquidmedicine.de hat einen kleinen Film über den Rollenkurs gedreht.

Auf der Suche nach dem perfekten Grönlandpaddel

Der Artikel „Pursuing the perfect Greenland paddle“ von Christopher Crowhurst erschien im Juli 2014 in Ausgabe 42 des Ocean Paddler Magazine und unter Qajaqrolls.com. Die deutsche Übersetzung erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Als die antiken Inuit entlang der Küste Grönlands erstmalig ihre Handwerkskunst aufnahmen, waren ihre Paddel bereits beeinflusst von Generationen früherer Paddelschnitzer. Durch die Migration der Inuit aus Ost und West übernahmen sie Traditionen und Techniken, die von den Küstenvölkern des nördlichen Atlantik und Pazifik entwickelt worden waren. Die vorherrschenden Doppelpaddel der Inuit waren stark geprägt durch die für die Jagd notwendige Lautlosigkeit und Geschwindigkeit. Die Ansprüche moderner Paddler haben sich geändert und die wenigsten jagen noch für ihren Lebensunterhalt. Daher ist es nicht überraschend, dass sich die Form ihrer Paddel weiterentwickelt hat.

Das Grönlandpaddel ist ein leistungsfähiges Werkzeug. Viele scheinen damit nur das Rollen im Kajak zu assoziieren. Dieses Klischee wird vermutlich dadurch verschärft, dass Leute wie ich hauptsächlich Videos vom Rollen veröffentlichen und wenige Artikel zu dem Anwendungsgebiet veröffentlicht werden, in dem das Paddel tatsächlich hervorsticht, nämlich vorwärts zu paddeln und das Kajak zu manövrieren. Viele Langstreckenrekorde im Paddeln wurden durch Grönlandpaddler aufgestellt; man erinnere sich nur an den Geschwindigkeitsrekord, den Jo O’Blenis bei der Umrundung von Vancouver Island aufgestellt hat. Dabei hat er ein Grönlandpaddel benutzt. Man erinnere sich ebenso an James Mankes Tour den Grand Canyon herunter im letzten Jahr. Er hat dafür einzig ein Grönlandpaddel genutzt. Solange es die richtige Länge und Form für die jeweiligen Bedingungen hat und mit dem entsprechenden Training, kann ein Grönlandpaddel hervorragend für jede Umgebung und sämliche Bedingungen sein. Ist es perfekt? Das herauszufinden liegt bei Dir! Ich hoffe, Dir die feinen Unterschiede im Design des Grönlandpaddels bewusst zu machen und Dir dadurch auf Deiner Suche nach dem perfekten Paddel zu helfen.

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Eine Auswahl meiner Paddelsammlung der folgenden Paddelhersteller: Sipke Deboer, Adanac Paddles, Lumpy Paddles, TandJ Paddles, Joe O’ Paddles, Northern Light Paddlesports, Superior Paddles, Gear Labs, Novorca. (Viele Paddel fehlen auf dem Bild, weil sie gerade verliehen waren. Das ist auch ein Grund dafür, dass ich so viele Paddel besitze: um anderen die Möglichkeit zu geben, sie auszuprobieren. Bei einem Workshop kannst Du das ebenfalls.)

Es wurde bereits viel über die Prinzipien geschrieben, wie sich die Dimensionen des Grönlandpaddel an Hand der Körpermaße herleiten lassen. Diese Regeln sind auf vielen der Webseiten gut dokumentiert, die sich mit traditionellem Paddeln beschäftigen. Länge, Breite, Schaftgröße, Position der Paddelschulter etc. berechnen sich danach an Hand der Körperproportionen des Paddlers. Ein Punkt, der häufig dabei übersehen wird, ist, dass das persönliche Kajak traditionellerweise ebenfalls an Hand verschiedener Körpermaße konstruiert wurde. Es passte also nicht nur das Paddel zum Paddler, sondern auch das Paddel zum Kajak. Solange er nicht sein individuelles skin-on-frame Kajak baut und die Dimensionen mit traditionellen Maßen festlegt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass der moderne Seekajaker ein Kajak vergleichbarer Proportionen fährt. Die meisten modernen Kajaks sind breiter, haben einen flacheren Boden, sind kürzer und haben ein höheres Deck. Üblicherweise sitzt der Paddler aufrecht auf einem bequemen Schaumstoff- oder Fiberglassitz – das ist ein großer Unterschied zum Sitzen auf einer Schicht von Tierpelzen, die Deinen Hintern vor dem kalten Wasser schützt, das Dir die Spante des Kajaks in den Körper drückt. Diese Änderungen im Kajakdesign haben zu parallelen Änderungen im Paddeldesign geführt. Außerdem hat sich die Nutzung des Kajaks verändert. Rock hopping, Surfen, Wildwasserfahrten, Gepäckfahrten, Roll-Wettkämpfe und Rennen haben sich alle entwickelt, als das Kajaken sich von einer existenziellen Fähigkeit zum Überleben zu einem Sport und Mittel der Erholung entwickelt hat. So wie sich unsere Nutzung des Kajaks verändert hat, so haben sich die Paddel verändert, die wir nutzen.

Wenn man einen näheren Blick auf die Archive der bekanntesten Kajakforen wirft, wird man unzählige erbitterte Debatten darüber finden, ob das Grönlandpaddel besser ist als ein Europaddel und welches das „richtige Paddel“ für verschiedene Aufgaben ist. Meine Lieblingskommentare kommen regelmäßig von Leuten, die Grönlandpaddler fragen, wann sie das letzte Mal auf Robbenjagd waren. Ich bin mir sicher, dass solche Diskussionen nicht aussterben, solange verschiedene Designs von Paddeln gebräuchlich sind.

Statt über die verschiedenen Vorzüge zu streiten, lass uns lieber für den Rest des Artikels unterstellen, dass Du eine dieser Personen bist, die sich aus welchem Grund auch immer für die Nutzung eines Grönlandpaddels entschieden hat.

Wenn Du daran interessiert bist, ein historisches Paddeldesign der Inuits für die Robbenjagd nachzubauen, gibt es eine Vielzahl großartiger Bücher mit einem Überblick über alle entscheidenden Maße derjenigen Paddel, die von Historikern zusammengetragen wurden – mein Lieblingsbuch ist Kayaks of Greenland von Harvey Golden. Genausowenig wie der bloße Nachbau eines skin-on-frame-Kajaks für die Jagd nicht zwangsläufig ein für Dich passendes Kajak ergibt, wird der Nachbau eines historischen Paddels nicht zwangsläufig das perfekte Paddel für Dich zur Folge haben. Für viele ist der ausschlaggebende Punkt auch nicht die Perfektion, sondern die Freude und Belohnung, die man daraus zieht, Geschichte wieder aufleben zu lassen.

Der Rest dieses Artikels wurde geschrieben, um denjenigen zu helfen, die den Ursprüngen unseres Paddelsports huldigen und ein traditionelles Grönlandpaddel nutzen wollen, aber es auch als praktisches, effizientes und angenehmes Werkzeug begreifen.

Die Größe muss zum Zweck und Boot passen

Reduziert auf die wesentlichen Elemente gibt es eigentlich drei absolut kritische Größen an einem Grönlandpaddel: die Gesamtlänge, die Breite des Blattes und die Länge des Schaftes. Aktuell fahre ich gern mit Paddeln drei unterschiedlicher Längen: 2,13 m, 2, 18 m und 2,28 m. Jedes Paddel hat einen sehr unterschiedlichen Mix der verschiedenen Dimensionen und seinen speziellen Einsatzzweck.

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Drei meiner Lieblingspaddel: 2,13 m x 9 cm, 2,18 m x 8 cm, 2,29 m x 7 cm

Das Paddel für’s Surfen oder rock hopping ist ein kürzeres und breiteres Paddel (2,13 m lang und 9 cm breit) als die Paddel, die ich für Langstreckenfahrten einsetze. Zwischen den Felsen sorgt die zusätzliche Breite für einen größeren Biss des Paddels in einer frühen Phase des Schlags, es funktioniert auch im flacheren Wasser oder muss nicht so tief eingetaucht werden und die größere Hebelwirkung ermöglicht schnellere Richtungswechsel. Später werde ich auch noch auf die Blattform eingehen, die ebenfalls diese größere Kraft fördert. Im Surf werden zwei Faktoren besonders wichtig: einer ist die Möglichkeit schnell zu beschleunigen und der andere ist das Paddel schnell über das Kajak umzusetzen. Die Beschleunigung wird begünstigt durch eine breitere Blattspitze. Ein kürzeres Paddel kann durch seinen geringeren Schwung und das frühere Auftauchen aus dem Wasser leichter von einer Seite auf die andere geführt werden. Ein längeres Paddel wird schwerfälliger sein, weil Du das Paddel hochhebeln musst, um es aus einer Welle zu lösen. Eine Herausforderung durch ein kürzeres Paddel ist die geringere Kraft des Heckruders, einem üblichen Paddelschlag beim Surfen. Jede Veränderung ist ein Kompromiss. Um Dein perfektes Paddel zu finden, musst Du die Kraft für Richtungswechsel und die Geschwindigkeit für das Umsetzen des Paddels ausbalancieren.

Auf Langstreckenfahrten wechsle ich lieber auf ein längeres, schmaleres Paddel (2,28 m lang und 7 cm breit). Das schmalere Blatt sorgt für einen sanfteren „catch“ des Paddels beim Eintauchen ins Wasser und das wiederum verringert die Belastung der Schulter bei jedem einzelen Schlag. Die zusätzlich Länge lässt das Paddel tiefer eintauchen und sorgt dafür, dass eine hinreichende Fläche des Paddels im Wasser liegt, um einen effizienten Vorwärtsschlag zu ermöglichen.
Mein Alltagspaddel ist mein Lieblings-Rollpaddel (2,18 m lang und 8 cm breit). Aus meiner Erfahrung heraus ist diese Größe sehr vielseitig. Beim Erlernen der Rolle mag ein breites, langes Paddel den Leuten das Gefühl geben, besser zu rollen. Aber das ist irreführend, denn eine gute Beherrschung der Rolle hängt nicht von der Oberfläche des unterstützenden Paddels ab. Ich rolle lieber mit meinem regulären Paddel, da mir das schnell zeigen wird, ob ich mich zu sehr auf das Paddel verlasse, weil die geringere Oberfläche es schneller absinken lässt, sobald ich mich darauf stütze.
Vor der Dimensionierung des Paddels ist es hilfreich, die Schaftweite festzulegen. Der Schaft wurde üblicherweise mit der Hüftbreite des Paddlers und einer zusätzlichen Handbreite bemessen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Breite des Kajaks ebenfalls berücksichtigt werden muss, sofern man ein breiteres Boot fährt als die historischen Kajaks. Je breiter das Kajak ist, desto länger muss der Schaft werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass traditionelle Grönlandkajaks nur ein paar Zentimeter breiter als die Hüften waren. Meine bevorzugte (durchschnittliche) Schaftlänge ist 51 cm – das passt für meine Grönlandkajaks und britischen Seekajaks, mit Breiten zwischen 48 und 54 cm. Wenn Du Dir den Unterschied bewusst machen willst, nimm einen kurzen Besenstiel zur Hand, setz Dich in Dein Kajak und führe mit unterschiedlichen Handabständen eine flüssige Paddelbewegung aus – und schaue, wie sie sich verschiedene Positionen anfühlen! Finde den optimalen Bereich und miss den Abstand! Prinzipiell ist die Schaftbreite der Abstand der jeweiligen Punkte zwischen erstem und zweiten Fingerknöchel an jeder Hand.

Meine Paddellänge habe ich bemessen, indem ich mich mit einem Besenstiel (mit der vorher gemessenen Schaftbreite) in mein Kajak gesetzt und zu einer Bewegung wie beim Vorwärtsschlag angesetzt hab. Ich wollte eine Paddellänge erreichen, die an dem Punkt ins Wasser eintaucht, an dem der Zugarm voll ausgestreckt, mein Rumpf leicht eingedreht und meine Hand in ihrer natürlichen Position und Höhe für den Paddelschlag war. Wenn Du das selbst ausprobierst, musst Du berücksichtigen, in welchem Winkel Du das Paddel führen willst. Eine steile oder flache Paddelbewegung verändert die Höhe der führenden Hand nachhaltig, welche wiederum den Winkel beim „catch“ und damit die optimale Paddellänge verändert.
Sobald man die Schaftlänge und Gesamtlänge gefunden hat, ist der nächste wesentliche Wert die Blattbreite. Üblicherweise wird von der Blattbreite am breitesten Punkt gesprochen. Das Bewusstsein, wo und welche Art von Paddelaktivitäten Du planst, wird Dir helfen über die Blattbreite zu entscheiden. Wie oben geschrieben, benutze ich verschiedene Blattbreiten jeweils passend zu verschiedenen Umgebungen. Geh nicht davon aus, dass es eine Größe für alle gibt! Wenn Du darüber nachdenkst, mit dem Grönlandpaddel zu rollen, ist es wichtig sicherzustellen, dass das Blatt angenehm in Deine Handfläche zwischen Daumen und Finger passt, um alle Arten von Rollen (auf der flachen Stütze basierende und vorwärts endende bzw. auf der hohen Stütze basierende und rückwärts endende) bequem absolvieren zu können. Wenn Dein Paddelblatt zu breit ist, läufst Du Gefahr, dass Du es am Rand nicht richtig greifen kannst und es Dir während der Rolle entgleitet. Die beste Kontrolle hast Du, wenn Du das Blatt angenehm greifen kannst.

Die Form des Blattes

Grönlandpaddel verjüngen sich vom der Spitze zum Schaft – manche in gerader Linie, andere mit einer konkaven, wiederum andere mit einer konvexen Kurve. Die Kraft des Paddels bei der Beschleunigung hängt substanziell von der Zunahme der eintauchenden Oberfläche beim Versenken des Paddels ab. Um die Beschleunigung im Surf und die Kraftübertragung beim rock hopping zu maximieren nutzen viele – mich eingeschlossen – Paddel, bei denen die ersten 15 bis 20 cm die selbe Breite haben und sich dann mit einer konvexen Form bis zu den Schultern des Schafts verjüngen. Bei meinem Langstreckenpaddel versuche ich die Kraftübertragung auf die Schulter zu minimieren und gestalte daher den „catch“ sanfter. Dafür mag ich es, wenn sich das Paddel in fast gerader Linie verjüngt.

Die Form der Spitze

Wie es viele Religionen gibt, gibt es viele Formen für die Blattspitze. Von halbrund bis eckig und alles dazwischen. Die Form der Blattspitze scheint viele Auswirkungen zu haben: sie verändert das Geräusch, wenn das Paddel ins Wasser taucht, sie verändert leicht die Blattoberfläche und sie wirkt sich darauf aus, wie das Wasser während der Zugphase des Paddelschlags um das Paddel fließt. Manche Leute weisen der Blattspitze auch eine Verantwortung für das Flattern zu. Aber ich denke, die Blattform insgesamt hat einen viel größeren Eifluss auf das Flattern. Außerdem gibt es ästhetische Aspekte. Ich persönlich mag runde Spitzen, solange ich nicht auf maximale Kraftübertragung abziele – dann nehme ich eine gerade Blattspitze mit abgerundeten Ecken.

Blattquerschnitt

Grundsätzlich verändert sich der Blattquerschnitt entlang der Länge des Paddels. Ein flacheres Profil an der Blattspitze scheint es dem Paddel zu erlauben, leiser und effizienter ins Wasser einzutauchen. Eine Diamant-Form nah der Paddelschulter hilft dabei, den Eintauchwinkel (und die schräge Führung – „cant“) besser zu kontrollieren, was besonders Anfängern dabei hilft, die traditionellen Paddelschläge auszuführen. Beim Schnitzen aus Holz ist wichtig, genug Material über die ganze Länge zurückzubehalten, damit das Paddel seine Stabilität behält. Dünne Blattquerschnitte sind empfindlicher, wenn sie mit Steinen in Berührung kommen – einmal mehr ist es an Dir, das Design des Paddels der Umgebung anzupassen.

Beim Paddeln scheinen die meisten Inuit die Paddelblatt leicht schräg geführt zu haben. Da das Paddel durch das Wasser schneidet, ist es am sinnvollsten eine tragflächenähnlichen Querschnitt zu konstruieren, um während des Paddelschlags eine laminare Strömung über dem Blatt zu erzeugen – wie beim Wingpaddel. Im Querschnitt sind die Paddelblätter symmetrisch, was die Erzeugung einer laminaren Strömung einschränkt. Aber eine hydro-dynamisch effiziente Form kann einen großen Einfluss darauf haben, wie sich das Paddel anfühlt.

Der Anströmwinkel des Arbeitsblattes beeinflusst den Winkel, in dem das Paddel während jedes Paddelschlags gehalten werden muss. Leute, die ein neues Paddel als flatternd empfinden, halten es normalerweise in einem Winkel, für den es nicht konstruiert wurde. Durch Testen einiger Paddel mit verschiedenen Querschnitten, wirst Du in der Lage sein, die Form für den Winkel zu finden, in dem Du das Paddel führen möchtest.

Schulterform

Die Schultern des Paddels beeinflussen den Komfort des Paddels genauso wie der Winkel, in dem Du es hältst. Während des Paddelns solltest Du keine Druckpunkte verspüren. Unter normalen Umständen sollten auch keine Blasen an Deinen Fingern oder Handflächen auftreten. Viele Paddelmacher haben einen guten Ruf erworben durch ihre Fähigkeit, sanfte und angenehme Schultern herzustellen. Der Wert der Erfahrung dieser Paddelbauer sollte nicht unterschätzt werden. Schlechte Schultern können ein Paddel ruinieren.

Eine andere Option, die Du bei der Nutzung von Grönlandpadden in Betracht ziehen solltest, ist auf Schultern ganz zu verzichten. Ich mag das Paddeln mit schulterlosen Paddeln, weil es einen schnellen Wechsel zwischen den verschiedenen Seiten im Surf und den einfachen Übergang in den Gleitschlag („sliding stroke“) erlaubt. Einige Leute bevorzugen aber, besonders am Anfang, das solide Gefühl, das Schultern ihnen geben, indem sie keinen Zweifel aufkommen lassen, wo man gerade das Paddel anfasst und wann es korrekt ausgerichtet für Paddelschläge oder Rollen ist.

Schaftquerschnitt

Grundsätzlich gibt es drei Varianten von Schäften: eckig, oval und rund. Eckige und ovale Schäfte tendieren dazu, beim Greifen mit einem bestimmten Winkel in der Hand zu liegen, was den Paddelblättern seitliche Stabilität verleihen kann. Runde Schäfte tendieren dazu, keine stabilisierende Wirkung zu haben, können aber angenehm bei jedem Winkel gegriffen werden. Der Schaftquerschnitt sollte so dimensioniert werden, dass Dein Daumen und Zeigefinger den Schaft bequem umrunden können und Dein kleiner Finger nicht angespannt ist. Einige eckige Schäfte können unbequem sein, wenn Du das Paddel nicht angewinkelt führst („canted stroke“). Du solltest also bei der Auswahl des Schaftquerschnitts berücksichtigen, wie Du paddeln möchtest.

Material

Die traditionellen Materialien zur Herstellung von Grönlandpaddeln sind Holz und Knochen. Für den durchschnittlichen Paddler dürfte das Material der Wahl Holz sein. Mein Favorit ist schöne, dicht gemaserte Zeder ohne Astlöcher, aber viele andere Hölzer wurden erfolgreich genutzt. Fichte wurde für viele sehr stabile Paddel genutzt. Zeder wird für sehr leichte Paddel verwendet. Es muss immer ein Kompromiss gefunden werden zwischen der Verfügbarkeit der Materialien und dem angestrebten Design. Viele Paddler passen entweder Hartholzspitzen ein, um die traditionellen Knochen zu ersetzen – andere tauchen die Paddelspitzen in Epoxid oder ähnliche Materialien, um sie zu verstärken. Ich schleife lieber die durch Stöße entstehenden rauhen Enden mit Schleifpapier ab und reibe sie mit Tung-Öl ein, damit sie weiter gut aussehen und das Wasser abweisen.

Es gibt viele kommerzielle Anbieter von Grönlandpaddeln, die hauptsächlich Holz und Carbon als Material verwenden. Insbesondere Carbon wird genutzt, um leichte und stabile Paddel zu konstruieren. Die Vorteile der Carbonfaser-Technologie erlauben, Paddel zu bauen, die aus Holz so nicht verlässlich konstruiert werden könnten. Ultradünne Blätter, die einige Rennkajaker bevorzugen, würden schnell beschädigt werden, wenn sie aus Holz gefertigt wären – aber die Stabilität von Carbon und Epoxy erlaubt die Kreation einiger sehr eleganter Designs. Durch den Gießprozess sind die Carbon-Paddel generell sehr robust. Durch Änderung der Zusammensetzung des Carbons kann auch die Flexibilität des Paddels geändert werden, damit sie entweder in ähnlicher Weise nachgeben wie Holz oder so steif sind wie Stahl. Du hast die Wahl.

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Bauplan, freundlicherweise bereitgestellt von Novorca, for 2,18 m x 8cm X2 Design Paddel. Beachte den linsenförmigen Querschnitt nahe dem Schaft und das leistungsfähige Design der Spitze.

Ein Paddel kaufen

Ich habe schon viele Leute getroffen, die glauben, das für sie perfekte Paddel zu besitzen. Viele dieser Paddler haben niemals den Luxus genossen, verschiedene Paddel auszuprobieren und zu experimenieren, um den Einfluss von Design und Größen und damit den Unterschied zwischen einem guten Paddel und einem großartigen Paddel zu verstehen. Bevor man sich für ein kommerziell gebautes Paddel entscheidet, empfehle ich, entweder zu versuchen, ein paar Paddel selbst zu bauen, um zu verstehen, welche Größe und Form zu Dir, zu Deinem Paddelstil und zu Deinem Kajak passt – oder so viele Paddel wie möglich von verschiedenen Paddlern zu borgen und herauszufinden, wie sie sich für Dich anfühlen und wofür Du sie einsetzen kannst. Einfach ein Grönlandpaddel aus einem Ladenregal oder von einer Webseite zu nehmen und zu erwarten, dass es großartig ist, wird nicht dafür sorgen, dass Ihr beide langfristig glücklich miteinander werdet.

Die Qualität kommerzieller Paddel – gleich ob Holz oder Carbon – variiert merklich. Einige Hersteller sind stolz darauf, Kunstwerke zu kreieren. Einige Schreiner sind sehr gut darin, die richtigen Holzbohlen auszuwählen, ein wesentlicher Teil für das Bauen eines Holzpaddels. Einige sind preiswert, andere sind teuer. Einige bieten eine große Bandbreite von Längen, andere haben nur wenige Größen im Angebot. Jedes Paddel ist ein Kompromiss. Frag Deine Paddelfreunde und in Online-Netzwerken nach Empfehlungen, lies Online-Bewertungen (ich habe viele veröffentlicht). Es gibt da draußen einige mit wirklichem handwerklichen Können, die in der Lage sind, sehr spezielle Paddel zu bauen – vielleicht ja sogar Dein perfektes Paddel.

Christopher Crowhurst, ein in Minnesota / USA lebender Exil-Brite, ist leicht besessen vom Grönland-Rollen. Im Jahr 2010 hat er Qajaq Rolls gegründet, ein philanthropisches Unternehmen, dass die Weitergabe der traditionellen Kunst des Grönland-Rollens im Kajak (qajaq) fördert. Christopher hat Videos, Schaubilder und schriftliche Anleitungen entwickelt, um Paddlern dabei zu helfen, traditionelle Grönlandrollen zu lernen. 2010 hat er im Selbstverlag Rolling with Sticks veröffentlicht, ein wasserfestes Handbuch über fünfundzwanzig Grönlandrollen, und dies um eine Begleit-DVD ergänzt. 2011 nutzte er das Unternehmen, um ein Programm kostenfreier Rollen-Workshops zu etablieren und zu finanzieren. Diese bieten Praxistraining für Paddler, die ihre Grönland-Rollen weiterentwickeln wollen.Christopher kann über seinen Webseite http://qajaqrolls.com kontaktiert werden.

Hiddensee-Marathon 2014 – Pleiten, Pech und Pannen

Wenn ich zur Zeit bei etwas im Training bin, dann ist es frühes Aufstehen. Der 4:00-Uhr-Wecker am Samstagmorgen zaubert mir also nur ein müdes Lächeln ins Gesicht. Das mit dem Paddeln ist da schon herausfordernder. Wegen anderer Prioritäten habe ich keine 300 km an Vorbereitung im Boot vorzuweisen. Im Vorjahr waren es fast dreimal so viel. Zwar habe ich mich mit ein wenig Krafttraining zu Hause und der ein oder anderen 45-Minuten-Einheit auf dem Ergometer fit gehalten. Aber, dass mir Bootskilometer fehlen, ist mir trotzdem klar. Zwei längere Touren in den letzten vier Wochen geben mir aber die Zuversicht, dass ich zumindest die Distanz von 70 km innerhalb der Zeitvorgaben durchhalten werde. Viel mehr habe ich mir daher auch nicht zum Ziel gesetzt – auch wenn ich natürlich auf eine etwas bessere Zeit als bei den ziemlich widrigen Bedingungen vom Hiddensee-Marathon 2013 schiele.

Nach dem Startschuss befinde ich mich in meinem natürlichen Habitat – ziemlich weit hinten. Die hintere Gruppe ist in diesem Jahr aber etwas größer. Auch insgesamt habe ich das Gefühl, dass sich das Feld nicht so schnell auseinanderzieht. Gleich zu Anfang gibt es eine schöne Überraschung: wir starten mit Rückenwind. Sobald aber die Seeseite von Hiddensee zu befahren ist, heißt das für mich ebenso wieder, dass das Skegboot häufig ausschlägt. Soweit, so bekannt – leider. Trotzdem geht es in diesem Jahr flotter voran auf die Nordspitze.

Dort macht sich so langsam Erschöpfung bei mir breit, sodass die obligatorische Pause beim „Toten Kerl“ sehr gelegen kommt. Nach einer kurzen Rast gehe ich halbwegs regeneriert die zweite Hälfte an. Ab jetzt gibt es Wind von schräg vorn. Ich fahre daher mein Skeg aus. Möchte ich zumindest… das Skeg hat sich offenbar beim Anlanden verklemmt. Und auch ohne dass ich großen Druck ausüben würde, löst sich sofort der Schieber vom Zugseil und das Skeg ist nicht mehr einsatzfähig. Soweit, so bekannt – leider. Werkzeug habe ich dabei. Das letzte Mal auf Elba hat mich diese Reparatur unterwegs aber ein bis zwei Stunden gekostet. Das ist heute nicht drin. Also beschließe ich die 35 km ohne funktionstüchtiges Skeg weiterzufahren. Laut Prognose soll der Wind ja nicht allzu stark sein. Das geht die ersten Kilometer auch ohne größere Korrekturorgien gut. Irgendwann lässt der Wind sogar fast ganz nach.

Leider gibt es trotzdem ganz nette Dünungswellen aus Richtung Hiddensee. Und die machen mich irre! Keine drei Schläge kann ich jetzt machen, ohne dass sich mein Boot zu den Wellen drehen will und ich ein bis zwei Korrekturschläge einbauen muss. Ich freue mich daher schon ziemlich, dass ich das letzte Meldeboot innerhalb der Zeitvorgaben erreiche. Ab jetzt sinken die Ansprüche immer rapider: nur noch schaffen heißt die Devise. Nicht die besten Ausgangsbedingungen für noch gut 15 km. Die ständig notwendigen Korrekturen lassen mich verspannen, sodass ich immer wieder Pausen einlege, um mich im Boot zu strecken. Offenbar übe ich bei der letzten dieser Streckübungen zu viel Druck auf meinen Rückengurt aus, der nun aus der Verankerung reißt. Soweit, so bekannt – leider. Meine von „Das ist jetzt nicht wahr!“ eingeleiteten Flüche hört zum Glück nur der wieder leicht aufgefrischte Wind. Jetzt heißt es: „Trotz alledem!“ Ich will aus eigener Kraft in Stralsund einlaufen, obwohl hinter mir schon drei Begleitboote recht verlockend vor sich hin tuckern.

Auf dem Festland und Rügen zieht jetzt zu allem Glück noch ein Gewitter auf. Immer schneller zieht es zu, Blitze zucken und Donner grollt. Die eben noch sichtbaren Kirchtürme von Stralsund verschwinden wieder im Dunst. Als mich die ersten Tropfen erreichen, wächst auch die Gewissheit, dass das mit der Weiterfahrt wohl eng wird. Kaum habe ich das realisiert, kommt mir auch ein weiteres Begleitboot entgegen. Im Schlepp hat es die beiden Boote, die sich in der letzten halben Stunde deutlich abgesetzt haben, nachdem wir einige Zeit gleichauf gepaddelt waren. Mir wird der Rennabbruch verkündet und ich werde einem DLRG-Boot zugewiesen und von den freundlichen Begleitern an Bord genommen. Bei 61 km und knapp 90 Prozent der Strecke ist damit Feierabend. Ich erkläre meinen Taxifahrern kurz, warum ich so ein sonderbares Paddel benutze, wir sammeln noch einen weiteren Paddler ein und brausen zurück nach Stralsund.

Mit ziemlicher Sicherheit hätte ich mich ohne den Rennabbruch noch die letzten Kilometer ins Ziel gequält. Aber das Wetter hat diesmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es war die Mühe trotzdem wert. Großer Respekt gilt vor allem den zahlreichen Begleitbooten, die demonstriert haben, dass sie und die Rennleitung vom Stralsunder Kanu-Club stets alles im Griff hatten. Mit diesem beruhigenden Gefühl fällt es leicht, sich voll und ganz auf sich selbst und die eigenen Herausforderungen zu konzentrieren. Bis zum nächsten Jahr!

Nachklapp: Die Ergebnisse sind jetzt verfügbar – mit der von den Veranstaltern „kalkulierten Zeit“ bin ich ganz zufrieden 😉

Einsitzen am Griebnitzsee

Seit drei Jahren ist die Tour die Havel hinunter, um die Wannsee-Insel herum zum Griebnitzsee und über Glienicker Brücke und Pfaueninsel zurück nach Tegel fester Bestandteil meines Paddeljahres. Bietet sich die 57 km lange und landschaftlich herrliche Strecke doch prima als Leistungs-Check und Training für spätere Langstreckentouren an. Vor allem der Sitzmuskel darf sich zum ersten Mal im Jahr beweisen. In diesem Jahr habe ich den bisher wärmsten und noch dazu ziemlich windigen Tag erwischt.

Während mir die Sonne nun acht Stunden erbarmungslos auf die Mütze brennt, überlege ich, ob das Naturgesetz, dass der Wind Kajakfahrern unabhängig von Streckenführung und angesagter Windrichtung zu 80% entgegenbläst, schon einen Namensgeber hat. Warum Mandarinenten gelb-grüne Boote besonders gern haben. Und ob jemand meinen Bildband über die nudistisch veranlagten Bootsbesitzer vom Wannsee (Arbeitstitel: „Verbrannte Ärsche“) kaufen würde. Erkennbar eine gute Möglichkeit, den Kopf mal richtig frei zu bekommen.

Das testweise mitgenommene Wingpaddel wird nach 700 Metern wieder auf’s Deck geschnallt und den Rest der Tour durch die Gegend gefahren. Schuster, bleib bei deinem Leisten! Dafür bin ich bei dem ständigen Gepuste dankbar, mich heute für ein Boot mit Steuer entschieden zu haben – und Sitzanlagen kann Lettmann auch. Der Hintern dankt.

Wale im Nebel

„Wir hatten gehofft, ein paar Wale zu sehen…“ „Dann macht Eure Planung keinen Sinn. Ihr werdet lange paddeln und nichts sehen, das größer als ein Seehund ist. Europäer“, so lernen wir, „paddeln weite Strecken, um etwas zu sehen. In Kanada zählt die Zeit auf dem Wasser. Dort wartest Du, bis die Natur zu Dir kommt.“ Und unser Kajak-Verleiher hat Recht. Die Natur kommt in der Johnstone Strait an der Nordküste von Vancouver Island. Wir nehmen uns seine Empfehlungen und Tipps zu Herzen und werden in den nächsten Tagen viel Natur erleben. Einen weiteren wichtigen Punkt nehmen wir auch gleich noch mit, als ich nach einem Tidenkalender frage, um unseren genauen Startzeitpunkt zu planen. Tide und Strömung sind hier vor Ort nicht identisch, laufen sogar entgegengesetzt. Jeweils bei Hochwasser und Niedrigwasser ist die Strömung an den Passagen zwischen den Inseln am größten – bis zu 10 Knoten, wie uns der Strömungskalender verrät. Und genau dann ist dort die höchste Wahrscheinlichkeit, Wale bei der Jagd zu treffen. Mit diesem Wissen im Gepäck und einer Handvoll guter Zeltplätze vor Augen geht es los.

Als wir die Bucht von Telegraph Cove verlassen, bietet sich ein Anblick, der uns die nächsten Tage über begleiten wird. Wo eben noch eine Gruppe von Inseln lag, ist jetzt eine dichte Suppe aus Nebel. Der soll hier im September morgens üblich sein. Das wiederum ist glatt gelogen. An Tageszeiten hält er sich definitiv nicht und arbeitet mindestens auf einer Vollzeitstelle. Lange Querungen vermeiden wir daher zunächst und hangeln uns von Insel zu Insel. Wie in Zukunft häufiger sind es auch jetzt die Geräusche, die uns auf die Meeresbewohner hinweisen. Ein ziemlicher Lärm umgibt eine Felseninsel, auf der sich eine große Kolonie von Seelöwen niedergelassen hat. Vor der Insel gibt es immer wieder ein lautes Schnaufen und Prusten aus dem Wasser, sodass wir schon glauben, unseren ersten Wal vor dem Bug zu haben. Es stellt sich jedoch heraus, dass Seelöwen nahezu die gleichen Geräusche von sich geben – nur eine Spur leiser. Auch vor unserem ersten Übernachtungsplatz zieht abends ein Seelöwe solange seine Runden, bis für uns das Schnaufen fast selbstverständlich geworden ist. Als es jedoch irgendwann von der anderen Seite der Insel kommt, wagen wir doch einen Blick um die Ecke und sehen, dass wir beinahe unsere erste Walsichtung verpasst hätten. Dort taucht eindeutig kein Seelöwe auf und ab, sondern ein viel größerer Meeressäuger. Leider verschwindet er jedoch nur allzu bald im dichter werdenden Nebel.

Am nächsten Morgen und bei wesentlich besserer Sicht ist der Trubel vor unserer  Insel umso größer. Immer wieder „stören“ uns Wale bei den üblichen Morgenbeschäftigungen. Zwei Grauwale tauchen immer wieder auf und ab. Nachdem sie endlich weiter gezogen sind, können auch wir zu Ende frühstücken und in unseren Kajaks eine entspannte Tagestour durch die westlichsten Inseln des Broughton Archiopelago angehen. Der ein oder andere Seehund beäugt uns erst misstrauisch, beschließt dann aber doch, sich lieber weiter faul treiben zu lassen. Irgendwann ziehen wir die Aufmerksamkeit eines Delphins auf uns, der vor und hinter uns auf und ab taucht. Das Wasser ist so klar, dass man ihn unter uns hindurch tauchen sehen kann. Nachdem er sich verzogen hat, geht es für uns weiter, nur um zwischen den nächsten Inseln eine ganze Gruppe von Delphinen zu sehen. Hier ist die Strömung stärker und die Herde jagt offensichtlich. Wir lassen uns treiben und genießen das Schauspiel. Es gelingt sogar der ein oder andere gute Schnappschuss. Als wir auf dem Rückweg kurz vor unserer Insel ankommen, erleben wir das erste Mal einen Wal aus ziemlicher großer Nähe. Ein Buckelwal taucht immer wieder auf und ab und beginnt irgendwann mit der Schwanzflosse auf das Wasser zu schlagen. Ein wenig mulmiger wird uns, als er irgendwann in unsere Richtung abdreht und keine zwanzig Meter vor unseren Booten auf- und wieder abtaucht. An Land angekommen, werden wir obendrauf noch Zeuge eines besonderen Schauspiels. Zwischen den Inseln bilden sich plötzlich eigenartige Wellen. Diese, stellt sich heraus, sind in Wirklichkeit mehrere Dutzend Delphine, die hintereinander in Reihe in die Bucht schwimmen. Dort angekommen schwimmen sie ab jetzt parallel nebeneinander und gehen in Formation auf die Jagd. Gegen diese Gruppe ausgeklügelter Strategen dürfte ihre Beute wenig Chancen haben. Pünktlich zum Sonnenuntergang krönen noch zwei weitere Buckelwale unseren Tag, die in der Passage offenbar umeinander buhlen, indem sie auf und ab springen. Der Hall sorgt zwischen den Inseln dafür, dass das Klatschen klingt wie Silvesterfeuerwerk. Nachdem die gestrige Sichtung nett war, aber keinen großen Eindruck hinterlassen hat, besteht heute Einigkeit über die Erhabenheit der hiesigen Meeresbewohner.

Auch der nächste Tag hält einiges an Natur bereit. In den letzten Tagen haben wir immer viel dafür getan, keine Bären anzulocken. Heute haben wir das Glück, vom Boot aus einen am Strand beobachten zu können. Leider zieht immer wieder Nebel auf, sodass wir Wale zwar immer wieder hören – vor allem die „Pfeiftöne“ der Buckelwale. Zu sehen sind sie allerdings nur selten. Einzig am Abend beginnt ein Buckelwal direkt vor unserer Insel auf und ab zu springen. Vor der Kulisse der Inseln gibt das ein beeindruckendes Bild ab. Irgendwann zieht aber auch heute der Nebel wieder zu und es weisen nur noch die Geräusche auf das muntere Treiben des Wales hin.

Auf der Rücktour zum Ausgangspunkt erwischt uns endgültig der Nebel. An beiden Paddeltagen ist er häufig so dicht, dass wir soweit es geht unter Land bleiben und die Passagen so kurz wie möglich halten. Durch die Strömung sind wir aber zeitlich einigermaßen festgelegt, sodass wir sie irgendwann doch angehen müssen. Als Orientierung für Richtung und Vorhaltewinkel bleibt uns nur die Sonne, die an Backbord durch den milchigen Nebel scheint. Jetzt sorgen die Geräusche der Wale im Nebel eher für eine gespenstische Stimmung. Nach sicherer Ankunft im Hafen von Telegraph Cove bleibt die Erinnerung an beeindruckende Naturerlebnisse – trotz oder gerade wegen des Nebels.

Im Kajak von Berlin nach Cuxhaven

Vor längerem habe ich mal in einer Kanuzeitschrift einen Bericht über eine Paddeltour von Berlin nach Hamburg gelesen – mehrfach dann selbst in Erwägung gezogen. Ich bin aber nie über das Ideenstadium hinausgekommen. Was es braucht, ist schlicht eine Gelegenheit. Schließlich habe ich an einem Samstag im September einen „Termin“ in Cuxhaven – ein Kind will getauft werden. Die zwei Wochen vorher habe ich frei. Der Plan drängt sich auf, mit Muskelkraft anzureisen.

Am Samstagmorgen, zwei Wochen vor der Taufe, steige ich also wie gewohnt am Schwimmsteg des TKV ins Boot. Irgendwie ist es noch relativ unwirklich, dass ich von dort nicht die übliche kleine oder große Runde vor mir habe und nicht ein paar Stunden später das Boot wieder ins Regal räume. Heute ist das Boot bis in die Spitzen beladen, liegt tief wie noch nie und ist zudem völlig hecklastig. Das ist bei dem Wind nicht wirklich angenehm, weil sich das Boot ständig dreht. Ich bin aber viel zu sehr in Aufbruchsstimmung, als dass ich das jetzt nochmal umpacken würde. Die bessere Verteilung des Gewichts soll sich in den nächsten Tagen einstellen und die Ladung wird ja ebenfalls immer weniger. Catharina begleitet mich noch auf den ersten Kilometern, dreht dann aber um und ich bin auf meiner ersten Solotour. Seit dem Hiddenseemarathon bin ich nicht mehr wirklich viel gepaddelt. Ich bin aber recht zuversichtlich, dass sich die Paddelkondition wieder schnell einstellen wird. An der Schleuse Spandau ist der Havelkilometer 0 angeschlagen. Die nächsten Tage soll diese Zahl auf meinem Weg kontinuierlich steigen. Unterwegs komme ich mit mehreren Paddlern ins Gespräch über Grönlandpaddel und verschiedene Marathonveranstaltungen. Einer fragt mich, ob ich ihm mal kurz mit einer Karte aushelfen könne, damit er sich nochmal wegen seines nächsten Abzweigs rückversichern kann. Aus meinem beeindruckenden Stapel laminierter Karten reiche ich ihm die oberste und erkläre auf seinen fragenden Blick hin nur: „Ich will zur Nordsee.“

Am ersten Abend in Ketzin habe ich die Gelegenheit, die neuen Teile meiner Ausrüstung endlich unter realen Bedingungen einzuweihen. Insbesondere auf meinen Hobo habe ich mich gefreut. Bewusst habe ich sonst keinen Kocher mitgenommen und werde die nächsten zwei Wochen nur auf offenem Holzfeuer kochen. Das stellt sich als schwieriger heraus als zunächst gedacht. Aber irgendwann gewöhne ich mich auch an die Hitzeregulierung und genieße die ersten Spaghetti mit Thunfisch dieser Tour bis mich die Mücken ins Zelt treiben.

Nach ein paar guten Eierkuchen zum Frühstück geht es früh am nächsten Morgen weiter flussabwärts. Im ständigen Wechsel von absolut unberührter Natur und vereinzelten Siedlungen schiebe ich mich die Havelbuchten entlang. Hat sich eben noch eine kleine Ringelnatter weggeschlängelt, fahre ich jetzt schon in Brandenburg ein. Gerade auf den größeren Seen erzeugt der Wind auch heute noch ordentliche Wellen – aber jetzt ist mein Boot wesentlich besser getrimmt und das Seekajak ist in seinem Element. Abends gönne ich mir auf einem Zeltplatz eine heiße Dusche und in der benachbarten Gaststätte ein Schnitzel. Völlig untypisch sind die Dauercamper durchgehend freundlich.

Der nächste Morgen beginnt mit einem beeindruckenden Naturschauspiel: ein großer Schwarm Wildgänse lässt sich mit lautem Geschnatter auf der Havel nieder. Einmal mehr hat sich das frühe Aufstehen zum Sonnenaufgang gelohnt. Die Mittagspause verbringe ich heute unter dem Schild von Havelkilometer 100. Die herrliche Sonne soll genutzt werden, um mit dem mitgebrachtne Solarpanel mein Handy aufzuladen. Die passenden Kabel sind natürlich nicht dabei, sodass ich noch eine kleine Shoppingtour in Rathenow einlege, bevor es mit einem Liter Mezzomix in der Tagesluke zielstrebig weiter geht. Durch Zufall entdecke ich in Gütz einen sehr gut ausgestatteten Biwak-Platz, der offenbar so neu ist, dass er nicht in meiner Karte eingezeichnet ist. Jeder in dem Örtchen scheint sich für den reibungslosen Betrieb mitverantwortlich zu fühlen, sodass einige sehr nette Gespräche entstehen.

Ganz großes Kino ist für mich die Selbsbedienungs-Kahnschleuse hinter Gütz. Völlig im Handbetrieb müssen die Schleusentore geöffnet und geschlossen werden, während das Kajak sorgsam vertaut in der Schleusenkammer treibt. Hätte ich kein Ziel vor Augen, würde ich mich hier glatt ein paar Tage als Schleusenwärter verdingen. Stattdessen genieße ich am Abend die Gastfreundschaft der Ruderriege Havelberg und nutze die Gelegenheit zu einem längeren Stadtspaziergang bei Gyros und Eis.

Schleusen gehören auf dieser Tour zum täglichen Geschäft. Immer wieder heißt es warten, bis sich die Schleusentore öffnen. Der Griff zum Telefon und Anruf in der Fernbedienzentrale wird langsam zur Gewohnheit, bevor häufig nur für mein kleines Kajak Millionen von Litern Wasser bewegt werden. Heute steht mein letzter Anruf in der Fernbedienzentrale Rathenow an. Und zum ersten Mal geht es aufwärts. Hinter der Schleuse Havelberg wartet die Elbe.

Ab jetzt kommt ordentlich Strömung ins Spiel. Auch ohne zu paddeln, treibt der Strom mich mit 4 bis 5 km/h voran. Trotz des zunehmenden Gegenwinds komme ich daher gut voran. Die Mittagspause nutze ich heute für einen kleinen Spaziergang durch das Storchendorf Rühstedt. Die Bewohner haben ihr Dörfchen recht beschaulich hergerichtet und auf jedem zweiten Dach findet sich ein Storchennest. Das dortige Geschehen wird sogar ins Internet übertragen. Auch wenn ich keinen einzigen Storch sehe, hält die Vogelwelt an der Elbe einiges bereit. Überall am Elbestrand lagern unzählige Schwärme von Gänsen und Seeschwalben auf ihrem Weg ins Winterquartier. Diese Idylle trübt kaum ein Boot. Außer ein paar Kuttern, die Instandsetzungsarbeiten an den Tonnen verrichten oder die Fahrrinne ausbaggern, sehe ich keine Wasserfahrzeuge. Mittlerweile in Niedersachsen eingelaufen, genieße ich beim Biwak in Schnackenburg den ersten Abend an der Elbe.

Der nächste Morgen hält eine gigantische Stimmung bereit. Das gegenüberliegende Ufer verschwindet völlig im Nebel. Auch die Umrisse von Schnackenburg schauen nur noch vereinzelt aus einer Watteschicht hervor. Die Sonne scheint sich immer wieder durch die Nebelschwaden zu fressen, bevor es sich anschließend wieder richig zuzieht. Die Orientierung am Tonnenstrich klappt ziemlich gut, rechts und links sehe ich aber nicht wirklich viel.

Nach der folgenden Nacht auf dem Campingplatz Elbestrand treffe ich Jürgen. Er ist von Dresden aus unterwegs, nachdem er vorher den Rhein runter gepaddelt ist. Er will noch bis Lühesand und dort „richtig Urlaub machen“. Er hat gute Tipps parat, vor allem für eine schöne Aussichtsplattform in Boizenburg, von der ich bei der Mittagspause einen großartigen Panoramablick über die Elbe genieße. In Lauenburg fülle ich unter anderem meine Haribo-Vorräte wieder auf ein erträglich Maß auf. Jetzt befinde ich mich in Schleswig-Holstein, wie mir vertraute Gesichter auf den Wahlplakaten verraten. Ab Boizenburg nimmt die Strömung der Elbe spürbar ab – dafür der Verkehr vor allem hinter der Mündung des Elbe-Seitenkanals spürbar zu. Ich treffe Jürgen wieder auf der Zeltwiese des KC Geesthacht.

Am nächsten Morgen lassen wir es sehr ruhig angehen. Wie üblich bin ich zwar zum Sonnenaufgang wach. Hinter der Schleuse Geesthacht ist die Elbe allerdings Tidengewässer, sodass man gegen auflaufendes Wasser wenig Spaß hat. Wir planen den Aufbruch so, dass wir eine Stunde vor Hochwasser hinter der Schleuse sind, durch die wir mit einigen beeindruckend dicken Schubverbänden und zahlreichen Sportbooten geschleust werden. Bei einer ungeschickten Bewegung in der Schleuse zerre ich mir einen Nackenmuskel, der mir schon das ein oder andere mal Probleme gemacht hat. Die kommenden Kilometer werden also recht unentspannt. Das eher mäßige Wetter mit dichten Wolken, gelegentlichen kurzen Schauern und vor allem stärkerem Gegenwind tut sein Übriges. Immerhin haben wir zwischenzeitlich Hochwasser gehabt. Wir paddeln also nicht mehr gegen eine leichte Strömung – vielmehr hilft sie zunehmend.

Lange ist der Landschaft nicht anzumerken, dass ich auf eine Großstadt zu paddle. Vieles erscheint vom Wasser aus naturbelassen und die gelegentlichen Gebäude könnten auch zu jeder anderen Stadt an der Elbe gehören. Erst nach verschiedenen Windungen kündigen Teile der Skyline und diverse Kräne den Hamburger Hafen an. Direkt am Bau der Elbphilharmonie liegt die Queen Mary 2 vor Anker und zieht die Blicke der Ausflügler auf ihren Barkassen auf sich. Dort wird es zudem richtig wellig – Vierer-Wind von vorn trifft auf Vierer-Strömung von hinten. Ich biege Richtung Schaartorschleuse. Entgegen anfänglicher Befürchtungen werde ich trotz fortgeschrittener Stunde und Großveranstaltung auf der Binnenalster noch geschleust. Über Alster und Isebekkanal geht es zu gastfreundlichen Freunden, wo ich das Wochenende verbringen will. Unvermittelt kommen mir Zeilen des Klassikers von Lotto King Karl ins Gedächtnis: „Wenn Du von Süden kommst, ist Hamburg direkt vor Grönland. Wenn du aus der Hauptstadt kommst, möchtest du hier gar nicht mehr weg.“

Weggewollt hätte ich zwei Tage später schon. Aber bei einer prognostizierten Windstärke 5, in Böen 7, und die Aussicht das im Hamburger Hafen zu erleben, hat dann doch zur Abwechslung mal die Vernunft gesiegt. Dafür geht es am nächsten Morgen richtig früh los. Wieder hängt die gesamte Tagesplanung am Tidenverlauf. So rollere ich eine Stunde vor Sonnenaufgang aus der Tiefgarage meiner Gastgeber und gleite um sechs Uhr über den spiegelglatten Isebekkanal wieder Richtung Alster. Gegen acht passiere ich Rathaus und die dortigen Schleusen, bevor es dann endlich in den Hafen und damit zurück auf die Elbe geht. Hier ist es heute morgen noch vergleichsweise ruhig. Trotzdem halte ich mich vorschriftsmäßig zwischen Landungsbrücken und Ufer. Die Elbe hat hier ziemlich guten Wellengang. Nachdem ich am Wochenende aber viel nun unnützes Gepäck gegen meine Paddeljacke eingetauscht habe, fühle ich mich in meinem Boot seetüchtig und strebe erwartungsfroh weiter der Nordsee entgegen. So paddle ich bis zu Niedrigwasser und schon einsetzender Gegenströmung bis Wedel, wo ich dann eine längere Zwangspause einlege, Mittag esse, lese und den vorbeifahrenden Containerfrachtern zusehe. Jedes Schiff bekommt nach einem Tusch seine Nationalhymne gespielt (die Handeslflotte von Liberia ist ziemlich beeindruckend!) und den Spaziergängern und Gaststättenbesuchern werden Fakten zum Schiff, seiner Route angesagt. Die Ansage „Die 5,20 Meter lange Serenity aus der Valley-Werft in Nottingham verbraucht 2 Liter Mezzomix auf 100 km und transportiert Ingwer und Haribo Colorado von Berlin an die Nordseeküste.“ muss ich aber wohl verpasst haben.

Ursprünglich hatte ich geplant, heute bis Lühesand zu paddeln. Wegen des anhaltenden Schietwetters und der zeitlich eher ungünstigen Tiden beschließe ich aber eher mehr Strecke zu machen, um zum Ende der Woche noch ein paar schöne Tage in Cuxhaven verbringen zu können. Immer wieder gleiche ich Geschwindigkeit mit der Zeit bis zum Sonnenuntergang ab und steuere schließlich den Campingplatz Krautsand an. Der Campingplatz wirbt damit, direkt am Deich zu liegen. Was aber für Wasserwanderer in Wirklichkeit heißt: hinter (!) dem Deich. Nachdem die Räder meines Bootswagens immer wieder im nassen Sand feststecken, beginne ich irgendwann das Boot einfach ohne Wagen über den Sand zu ziehen, was wesentlich leichter ist. Keine zehn Pferde bekommen mich dazu, das Boot über den Deich zu tragen. Also wird es kurzerhand ins Gebüsch geschoben und nur das Nötigste für die Nacht auf den Zeltplatz getragen.

Auch der nächste Morgen beginnt früh, sehr früh. Ich will aber zumindest noch die letzten Stunden des ablaufenden Wasser mitnehmen. Vorbei am AKW Krümmel und der Mündung des Nord-Ostsee-Kanals geht es nach Brunsbüttel. Bei Niedrigwasser tue ich mich schwer, eine vernüftige Stelle zum Aussteigen zu finden. Nachdem ich aber mehrere Male meine Teva-Sandalen im Schlick festgetreten habe, mache ich endlich den beprickten Eingang zum Seglerhafen aus, den ich ansteuere und erstmal zu einer Grundreinigung von Boot, Kleidung und Ausrüstung ansetze.

Am frühen Nachmittag geht es endlich auf die letzte Etappe. Schon von weitem mache ich die Kugelbake an der Elbmündung in die Nordsee aus. Das Fahrwasser macht allerdings den ein oder anderen Schlenker, sodass die Bake nur sehr langsam größer wird. Schließlich geht es vorbei an Cuxhaven und den Kurgästen, die die großen Containerschiffe auf der Elbe bestaunen. Jetzt wird die Kugelbake und der kleine Strand daneben immer größer. Euphorie macht sich breit. Traditionsgemäß fische ich meine Nasenklammer aus der Schwimmweste. Been there. Done a roll.

„Vier gewinnt“ beim Hiddensee-Marathon 2013

StralsundMit einigem Respekt, aber vor allem viel Vorfreude habe ich dem Hiddensee-Marathon des Stralsunder Kanu-Club entgegengefiebert. Heute ist es nun endlich soweit. Die Nacht sind einige Schauer über die gut gefüllte Zeltwiese der Stralsunder Paddler gezogen. Pünktlich zum allgemeinen Aufstehen um vier Uhr morgens hört der Regen allerdings auf. Das geschäftige Treiben geht los und letzte Vorbereitungen werden allseitig getroffen. Insbesondere ein vernünftiges Frühstück muss als Grundlage her, auch wenn das in der frühen Morgenstunde ziemlich schwer fällt. Das war mein wichtigster Trainingsaspekt seit ich beim 1000-Seen-Marathon im letzten Oktober einen ziemlichen Hungerast hatte. Heute geht es mir vor allem um’s Ankommen aus eigener Kraft. Pünktlich um sechs Uhr ist das Teilnehmerfeld auf dem Wasser und es geht los. Über Boddengewässer und Ostsee soll es einmal um Hiddensee herum zurück zum Bootshaus in Stralsund gehen – ziemlich genau 70 Paddelkilometer. Schon die Streckenlänge macht es recht anstrengend, Wind und Wellen tuen ihr übriges. Angesagt sind für heute ideale Bedingungen mit ablandigem Wind aus Süd-Ost, der später sogar auf Nord-West drehen soll – das hieße die gesamte Zeit Rückenwind. Hieße…

HM_2013_3Ich paddle eines von zwei Booten ohne Steuer und trete als einziger mit einem Grönlandpaddel an. Das bringt den ein oder anderen fragenden Kommentar mit sich. Direkt nach dem Start zieht sich das Feld auseinander. Insbesondere die zahlreichen Zweier und Wingpaddel-Fahrer setzen sich schnell ab. Ich orientiere mich, wie nicht anders zu erwarten, am hinteren Ende. Meine GPS-Pulsuhr läuft wie gewohnt mit. Vorgenommen hatte ich mir, recht konstant zwischen 140 und 150 Herzschlägen pro Minute zu fahren. Beim Versuch mitzuhalten, steigt mein Puls aber in Spitzen bis auf 170. Eigentlich bin ich also viel zu schnell für meine Verhältnisse. Da mich vor allem, der erste Meldepunkt im Vorfeld nervös gemacht hat, will ich aber den Anschluss nicht verlieren: nach drei Stunden muss ich die Ostsee erreichen, sonst werde ich aus dem Rennen genommen und zurückgeschickt. Also geht es ein wenig überambitioniert hinter zwei Einern und einem Zweier hinterher. Gleichzeitig erleichtert das die Orientierung über Strelasund und Kubitzer Bodden am Naturschutzgebiet vorbei bis zur Südspitze von Hiddensee. Hier liegt nach ca. 16 km das erste Meldeboot, dem ich lautstark „vier“ entgegenrufe. Ich liege deutlich unter den drei Stunden und fahre weiter am Fahrwasser entlang auf die Ostsee. Um die Seeseite von Hiddensee zu passieren, sind die Windbedinungen tatsächlich ideal. Wind und Wellen schieben mehr oder weniger. Leider bricht mein Skegboot bei den Wellen von schräg hinten immer mal wieder aus und ich muss es mühsam mit Korrekturschlägen wieder auf Kurs bringen. Ein-, zweimal gelingt mir sogar ein Surf, der mich zu den mittlerweile nur noch zwei Einern immer wieder gut aufschließen lässt. Auf Höhe Kloster schippert Meldeboot Nummer zwei hin und her, was das Heranfahren ein wenig erschwert. Wieder rufe ich eine „vier“ in den Wind hinein. Um die Nordspitze herum geht zum einzig sinnvollen Pausenplatz auf der Runde. Am „Toten Kerl“ rasten bereits weitere „Männer mit dem grimmigen Blick“, unter anderem Gero. Der hatte sich anfangs recht schnell abgesetzt und sticht gerade wieder in See. Lange pausiere ich auch nicht und sitze eine Bananenlänge später wieder im Boot und steuere Meldungsboot drei an, dem ich routiniert nicht viel mehr als „vier“ zu sagen habe.

HM_2013_5Was vorhin als Rückenwind noch hilfreich oder ertragen war, bläst mir jetzt mit Windstärke vier direkt entgegen. 32 km liegen noch vor mir. Gero ist schon wieder in weiter Ferne verschwunden. Aber der Kollege im roten Skegboot, den ich eben noch bei der Pause „überholt“ habe, zieht jetzt wieder an mir vorbei. Bestens – habe ich wieder jemanden zur Orientierung. Mitzuhalten,versuche ich gar nicht erst. Die Streckenführung schlägt kurz einen Haken am Fahrwasser entlang und um Naturschutzgebiete herum. Ab jetzt geht es fast schnurgerade nach Süden. Der Wind denkt gar nicht daran, wie angekündigt zu drehen. Das heißt Knochenarbeit. Der Blick aufs GPS sorgt für Frustration. Die Geschwindigkeit sinkt auf unter fünf km/h – mit ihr meine Motivation und Laune. Immer wieder sporne ich mich an, mit höherer Frequenz am Paddel zu ziehen und meinen Puls wieder ins Soll zu treiben. Lange halte ich das jedoch nie durch, sitze ich doch recht ungemütlich im Boot und schippe immer wieder büschelweise Kraus auf’s Boot. Immer wieder ertappe ich mich dabei, anhand der noch verbleibenden Kilometer auszurechnen, wie lange ich noch im Boot sitzen werde. Aufbauen geht anders. Nachdem auch das rote Skegboot in weiter Ferne verschwunden ist, lasse ich ein Zweierkajak passieren und hänge mich an die beiden. Den letzten Meldepunkt hätten wir beinahe übersehen. Das angekündigte Segelboot hat sich zwischen seinesgleichen gut versteckt, letztendlich aber doch durch die gehisste gelbe Tonne verraten. Mit einem Bogen steuere ich auch dieses Boot an. Trotz der widrigen Umstände bleibe ich auch hier in der Sollzeit und rufe der Besatzung von Meldeboot Nummer vier die obligatorische „vier“ entgegen. Man bietet mir noch Wasser und Essen an. Mein Bananendampfer ist aber noch reichlich gefüllt und auch die zweite Trinkblase ist noch fast voll. Also geht es auf die letzten 15 km.

Hiddensee_2013

In der Ferne ist bereits die Skyline von Stralsund im Dunst zu sehen, während sich eines der Begleitboote neben mich setzt und den weiteren Weg begleitet. Jetzt gibt es immer wieder Schauer. Ich will zumindest unter 11 Stunden bleiben und vor allem nicht mehr drei Stunden im Boot sitzen. Also steigere ich mein Tempo nochmal. Irgendwann scheint der Wind doch noch ein wenig zu drehen, denn hinter dem Parower Haken ist es für die letzten fünf Kilometer fast windstill. Endlich kommt der Steg in Sichtweite. Die Wartenden beginnen, mich auf den letzten Metern anzufeuern und schließlich ertönt ein erlösendes Signalhorn, als ich die Startnummer vier über die Ziellinie paddle. Fertig mit der Welt lasse ich zwei freundliche Helfer mein Boot aus dem Wasser tragen. Erst langsam kommt Freude auf, dass ich auch die letzten 15 km durchgezogen habe und nicht der ständigen Versuchung erlegen bin, aufzugeben. Auch meinen festen Entschluss, dass das heute neben meiner ersten auch sicher meine letzte Teilnahme am Hiddensee-Marathon war, revidiere ich im Laufe des Abends und spätestens nach einer Nacht, in der ich richtig gut schlafen konnte.

HM_2013_6Den Veranstaltern gebührt ein dickes Dankeschön! Gerade bei den anspruchsvollen Bedingungen war es beruhigend, immer eines der zahlreichen Begleitboote in der Nähe zu wissen. Die Abendgestaltung bei Grillfleisch und Kaltgetränken ließ wenig zu wünschen übrig, auch wenn wegen allgemeiner Erschöpfung kaum Feierstimmung aufkam. Auf der Rückfahrt am nächsten Morgen wird Gero übrigens nach der Nummer der Tanksäule fragen, für die er die Rechnung begleichen will. „Vier“ werde ich rufen – gelernt ist gelernt…

Nachklapp: Gero hat auf zirpelspinner.me den Marathon aus seiner Sicht verbloggt. Dass er mir lediglich 1000 kcal zum Frühstück empfohlen hat, selbst aber bis zum Anschlag mit Babybrei und Baked Beans gefüllt war, hat ihm offenbar die entscheidende Viertelstunde Vorsprung beschert. Ergebnisliste und Bericht gibt es auch beim Stralsunder KC. Einen weiteren Bericht gibt es beim Hamburger RdE.

(Fast) 100 – In großem Bogen rund Potsdam

Potsdam_100So manche Tour wurde im TKV ja bereits als Schinderei verschrien. Mir ist das nicht genug und ich bilde mir ein, eine weitere Langstreckentour wäre noch eine gute Vorbereitung für den Hiddenseemarathon in zwei Wochen. Also klingelt mein Wecker an einem Samstagmorgen einmal mehr deutlich früher als unter der Woche. Mit reichlich Müsliriegeln und Bananen auf dem Deck sowie 500 g Bananenquark im Bauch lege ich um 6:15 Uhr am TKV ab. Die Stimmung ist herrlich und der Tegeler See macht in der Morgensonne einiges her. Hier und die Havel entlang lümmeln bereits erstaunlich viele Angler rum… Über die Spandauer Havel geht es Richtung Wannsee. Die Havel hat einiges an Strömung – zeitweilig fahre ich 12 km/h. So fahre ich nicht wie gewohnt durch Klein Venedig, sondern bleibe im drögen Kanal und lasse mich schieben. An Grunewaldturm, Pfaueninsel und Sacrower Heilandskirche vorbei geht es die Havel runter in den Sacrow-Paretzer Kanal. Ich habe mir vorgenommen, zwei längere Touren, die ich in der Vergangenheit bereits häufiger gefahren bin, kombiniert an einem Tag zu fahren. Mit der Griebnitzsee-Tour und der Runde um Potsdam gibt das ziemlich genau 100 km. Schöne Zahl…

Auch hier im Kanal strömt es gut, sodass ich schon nach fünf Stunden den Abzweig Richtung Werder erreiche. 40 km sind jetzt bereits auf dem Tacho. Ein 8er Schnitt lässt mich optimistisch in die Zukunft blicken. Nur habe ich bisher immer zwei Punkte ausgeblendet: ab jetzt gibt es gute 15 km Gegenwind der Stärke 4 und ab jetzt paddele ich gegen die Strömung. Meine Geschwindigkeit sinkt proportional zu meiner Laune. Immerhin überhole ich diverse Paddler, die es deutlich ruhiger angehen lassen. Kein großer Trost. Der eigentlich geplante Stop in Werder fällt aus. Erst will die Gegenwindstrecke hinter mich bringen – Psychologie und so… Endlich erreiche ich den Schwielowsee und biege in den kleinen Kanal zum Petziensee. Hier ist es windstill, aber es strömt mir deutlich entgegen. Entkräftet steuere ich eine der noch wenigen freien Buchten an und mache eine kurze Pause. Allzu lange will ich aber nicht bleiben. Ein gutes Stück liegt ja noch vor mir.

Griebnitzsee

Den Templiner See hinauf geht es durch Potsdam bis irgendwann endlich die Glienicker Brücke in Sicht kommt. Rechts biege ich ein Richtung Griebnitzsee, wo ich nach 10 Stunden endlich die 70 km vollmache. Ich mache eine weitere kurze Pause, bevor es weiter geht. Auf den folgenden Kilometern mache ich immer wieder kurze Pausen im Boot, lehne mich zurück und entspanne Rücken und Hände. Auf der folgenden Strecke über Pohlesee, Kleinen Wannsee und Großen Wannsee sinkt die Motivation immer weiter. Irgendwie war der letzte Müsliriegel auch nicht der beste Kauf. Direkt nach der schmalen Durchfahrt bei Schwanenwerder mache ich erneut eine Pause. Ich muss dringend mal meine Beine ausstrecken und den Rücken entlasten. Kurz schlafe ich sogar ein, bevor es weiter geht Richtung Schleuse Spandau. Klein Venedig spare ich mir wieder – irgendwie verkraftet meine Psyche den Gedanken an einen Umweg gerade nicht, auch wenn dort die Strömung unter Umständen geringer ist…

Kurz vor der Schleuse steht am Rand einer der obligatorischen Angler. Ich mustere ihn, weil er einem Bekannten verdammt ähnlich sieht. Er bemerkt dies offenbar und meint nur: „Na, endlich auf’m Rückweg?“ Außer einem kurzen „ja“ und einem blöden Blick bekomme ich nicht viel heraus. „Ick stand heute morgen da drüben.“ meint er und zeigt auf die andere Uferseite, von wo ihn ein Stadtfest vertrieben hat. Blöder Blick wird zu einem breiten Grinsen und deutlich entspannter und motivierter geht es jetzt durch die Schleuse auf die letzten knapp 8 km. Ich beschließe, doch nicht mit dem Paddeln aufzuhören, den Hiddensee-Marathon doch nicht abzusagen und sowieso und überhaupt… Durch den direkten Weg statt durch Klein Venedig fehlen mir beim Eintreffen im Verein kurz vor 21:00 Uhr zwei wertvolle Kilometer. Endstand sind 98 km – aber wer wird denn kleinlich sein?

Das ist übrigens eine traumhafte Strecke, die man aber sinnvollerweise besser an zwei bis drei Tagen fahren sollte…