Meine erste (knapp) 50km-Tour in Vorbereitung auf den diesjährigen Hiddenseemarathon ging letztens um den Müggelturm. Das war mal was Neues, gilt aber nicht. Eingesessen wird zum Griebnitzsee! Gestern war es soweit. Der Wecker vibrierte nochmal eine Stunde früher als sonst und kurz nach sechs ging es auf’s Wasser. Ein seltenes Wetterphänomen trug mich beschwingt in Richtung Wannsee: Rückenwind. Aber wer wäre ich, wenn ich mich nicht im nächsten Atemzug beklagte. Der Wind frischte natürlich im Tagesverlauf deutlich auf, sodass das bisschen Rückenwind den respektablen Gegenwind auf der Rücktour gen Norden nicht für fünf Pfennig ausglich. Nun rufe ich meinem gestrigen fluchenden Ich zu: dafür sind Trainingsrunden ja da. Und wenn der Grunewaldturm gefühlt keinen Millimeter näher kommt, überkommt einen doch ein wohliges Stralsund-Gefühl.
Schlagwort: Schinderei
Hiddensee-Marathon 2014 – Pleiten, Pech und Pannen
Wenn ich zur Zeit bei etwas im Training bin, dann ist es frühes Aufstehen. Der 4:00-Uhr-Wecker am Samstagmorgen zaubert mir also nur ein müdes Lächeln ins Gesicht. Das mit dem Paddeln ist da schon herausfordernder. Wegen anderer Prioritäten habe ich keine 300 km an Vorbereitung im Boot vorzuweisen. Im Vorjahr waren es fast dreimal so viel. Zwar habe ich mich mit ein wenig Krafttraining zu Hause und der ein oder anderen 45-Minuten-Einheit auf dem Ergometer fit gehalten. Aber, dass mir Bootskilometer fehlen, ist mir trotzdem klar. Zwei längere Touren in den letzten vier Wochen geben mir aber die Zuversicht, dass ich zumindest die Distanz von 70 km innerhalb der Zeitvorgaben durchhalten werde. Viel mehr habe ich mir daher auch nicht zum Ziel gesetzt – auch wenn ich natürlich auf eine etwas bessere Zeit als bei den ziemlich widrigen Bedingungen vom Hiddensee-Marathon 2013 schiele.
Nach dem Startschuss befinde ich mich in meinem natürlichen Habitat – ziemlich weit hinten. Die hintere Gruppe ist in diesem Jahr aber etwas größer. Auch insgesamt habe ich das Gefühl, dass sich das Feld nicht so schnell auseinanderzieht. Gleich zu Anfang gibt es eine schöne Überraschung: wir starten mit Rückenwind. Sobald aber die Seeseite von Hiddensee zu befahren ist, heißt das für mich ebenso wieder, dass das Skegboot häufig ausschlägt. Soweit, so bekannt – leider. Trotzdem geht es in diesem Jahr flotter voran auf die Nordspitze.
Dort macht sich so langsam Erschöpfung bei mir breit, sodass die obligatorische Pause beim „Toten Kerl“ sehr gelegen kommt. Nach einer kurzen Rast gehe ich halbwegs regeneriert die zweite Hälfte an. Ab jetzt gibt es Wind von schräg vorn. Ich fahre daher mein Skeg aus. Möchte ich zumindest… das Skeg hat sich offenbar beim Anlanden verklemmt. Und auch ohne dass ich großen Druck ausüben würde, löst sich sofort der Schieber vom Zugseil und das Skeg ist nicht mehr einsatzfähig. Soweit, so bekannt – leider. Werkzeug habe ich dabei. Das letzte Mal auf Elba hat mich diese Reparatur unterwegs aber ein bis zwei Stunden gekostet. Das ist heute nicht drin. Also beschließe ich die 35 km ohne funktionstüchtiges Skeg weiterzufahren. Laut Prognose soll der Wind ja nicht allzu stark sein. Das geht die ersten Kilometer auch ohne größere Korrekturorgien gut. Irgendwann lässt der Wind sogar fast ganz nach.
Leider gibt es trotzdem ganz nette Dünungswellen aus Richtung Hiddensee. Und die machen mich irre! Keine drei Schläge kann ich jetzt machen, ohne dass sich mein Boot zu den Wellen drehen will und ich ein bis zwei Korrekturschläge einbauen muss. Ich freue mich daher schon ziemlich, dass ich das letzte Meldeboot innerhalb der Zeitvorgaben erreiche. Ab jetzt sinken die Ansprüche immer rapider: nur noch schaffen heißt die Devise. Nicht die besten Ausgangsbedingungen für noch gut 15 km. Die ständig notwendigen Korrekturen lassen mich verspannen, sodass ich immer wieder Pausen einlege, um mich im Boot zu strecken. Offenbar übe ich bei der letzten dieser Streckübungen zu viel Druck auf meinen Rückengurt aus, der nun aus der Verankerung reißt. Soweit, so bekannt – leider. Meine von „Das ist jetzt nicht wahr!“ eingeleiteten Flüche hört zum Glück nur der wieder leicht aufgefrischte Wind. Jetzt heißt es: „Trotz alledem!“ Ich will aus eigener Kraft in Stralsund einlaufen, obwohl hinter mir schon drei Begleitboote recht verlockend vor sich hin tuckern.
Auf dem Festland und Rügen zieht jetzt zu allem Glück noch ein Gewitter auf. Immer schneller zieht es zu, Blitze zucken und Donner grollt. Die eben noch sichtbaren Kirchtürme von Stralsund verschwinden wieder im Dunst. Als mich die ersten Tropfen erreichen, wächst auch die Gewissheit, dass das mit der Weiterfahrt wohl eng wird. Kaum habe ich das realisiert, kommt mir auch ein weiteres Begleitboot entgegen. Im Schlepp hat es die beiden Boote, die sich in der letzten halben Stunde deutlich abgesetzt haben, nachdem wir einige Zeit gleichauf gepaddelt waren. Mir wird der Rennabbruch verkündet und ich werde einem DLRG-Boot zugewiesen und von den freundlichen Begleitern an Bord genommen. Bei 61 km und knapp 90 Prozent der Strecke ist damit Feierabend. Ich erkläre meinen Taxifahrern kurz, warum ich so ein sonderbares Paddel benutze, wir sammeln noch einen weiteren Paddler ein und brausen zurück nach Stralsund.
Mit ziemlicher Sicherheit hätte ich mich ohne den Rennabbruch noch die letzten Kilometer ins Ziel gequält. Aber das Wetter hat diesmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es war die Mühe trotzdem wert. Großer Respekt gilt vor allem den zahlreichen Begleitbooten, die demonstriert haben, dass sie und die Rennleitung vom Stralsunder Kanu-Club stets alles im Griff hatten. Mit diesem beruhigenden Gefühl fällt es leicht, sich voll und ganz auf sich selbst und die eigenen Herausforderungen zu konzentrieren. Bis zum nächsten Jahr!
Nachklapp: Die Ergebnisse sind jetzt verfügbar – mit der von den Veranstaltern „kalkulierten Zeit“ bin ich ganz zufrieden 😉
Einsitzen am Griebnitzsee
Seit drei Jahren ist die Tour die Havel hinunter, um die Wannsee-Insel herum zum Griebnitzsee und über Glienicker Brücke und Pfaueninsel zurück nach Tegel fester Bestandteil meines Paddeljahres. Bietet sich die 57 km lange und landschaftlich herrliche Strecke doch prima als Leistungs-Check und Training für spätere Langstreckentouren an. Vor allem der Sitzmuskel darf sich zum ersten Mal im Jahr beweisen. In diesem Jahr habe ich den bisher wärmsten und noch dazu ziemlich windigen Tag erwischt.
Während mir die Sonne nun acht Stunden erbarmungslos auf die Mütze brennt, überlege ich, ob das Naturgesetz, dass der Wind Kajakfahrern unabhängig von Streckenführung und angesagter Windrichtung zu 80% entgegenbläst, schon einen Namensgeber hat. Warum Mandarinenten gelb-grüne Boote besonders gern haben. Und ob jemand meinen Bildband über die nudistisch veranlagten Bootsbesitzer vom Wannsee (Arbeitstitel: „Verbrannte Ärsche“) kaufen würde. Erkennbar eine gute Möglichkeit, den Kopf mal richtig frei zu bekommen.
Das testweise mitgenommene Wingpaddel wird nach 700 Metern wieder auf’s Deck geschnallt und den Rest der Tour durch die Gegend gefahren. Schuster, bleib bei deinem Leisten! Dafür bin ich bei dem ständigen Gepuste dankbar, mich heute für ein Boot mit Steuer entschieden zu haben – und Sitzanlagen kann Lettmann auch. Der Hintern dankt.






Paddlen über lange Strecken
Dem ein oder anderen wird es aufgefallen sein: lange Strecken zu paddeln, bereitet mir zwischenzeitlich durchaus Spaß. Die Zeitschrift Adventure Kayak hat nun für ihre Webseite einen älteren Artikel ausgegraben, den ich ganz spannend finde. Weitpaddler Ray Fusco gibt darin einige konkrete Tipps, was man auf langen Paddeldistanzen beachten sollte. Seine Paradestrecke ist 113 km lang, die er in 14 Stunden bewältigt hat. Das gibt mir Gelegenheit, seine Hinweise mit meinen bisherigen Erfahrungen abzugleichen.
Energieverbrauch
Eigentlich einfache Feststellung, aber der Energieverbrauch durch das Paddeln und Nahrungsaufnahme müssen sich die Wage halten, um einen Hungerast zu vermeiden. Ray rechnet mit 100 kcal pro Seemeile (1,852 km) bei einer Geschwindigkeit von viereinhalb bis fünf Knoten (8,3 – 9,3 km/h). Das entspricht den 400 bis 500 kcal pro Stunde, die ich bisher zu Grunde gelegt habe, auch wenn meine Reisegeschwindigkeit üblicherweise ein wenig unter seinen Werten liegt. Für eine Strecke über 100 km empfiehlt er fünf proteinreiche Energieriegel, fünf Gels, zwei Sandwiches, einen Schokoriegel sowie frisches und getrocknetes Obst. Da ich auf Lebensmittel aus dem Reagenzglas gern verzichte (Analogkäse ist meine einzige Schwäche), habe ich bisher auf längeren Distanzen neben einem Berg von Bananen vor allem Müsli- und Schokoriegel an Bord gehabt und mich bemüht, zumindest einmal pro Stunde ein Teil davon zu essen. In einer kurzen Mittagspause sind Butterbrote für ein größeres Sättigungsgefühl meine erste Wahl.
Getränke
An Getränken empfiehlt Ray für eine Strecke um die 100 km mindestens sechs Liter an Flüssigkeit, bestehend aus drei Litern Wasser und drei Litern „energy drink“. Es gilt Elektrolyte wieder aufzufüllen. Ich bin bisher mit vier Litern bestens ausgekommen. Das mag je nach Wetter unterschiedlich sein, aber bisher habe ich eigentlich immer ordentlich wieder mitgebracht. Am Ende hat man während der Tour ja vor allem mit zwei Zielkonflikten zu kämpfen: genug Trinken ist die eine Seite der Medaille. Der Stoffwechsel nimmt aber auch während einer Paddeltour seinen Lauf und eine volle Blase paddelt nicht gern… Reines Wasser fand ich irgendwann zu dröge, sodass ich mich nach etwas mit mehr Geschmack umgeschaut habe, das auch noch ein wenig zum Elektrolythaushalt beiträgt und nicht zu süß ist. Gelandet bin ich zunächst bei naturtrübem Apfelsaft und einem guten Schuss Limettensaft, gemischt mit Wasser im Verhältnis 1:3. Zuletzt bin ich aber im Supermarkt auf eine neue Saftmischung aus Orange/Traube/Apfel/Limette gestoßen, das sich im gleichen Mischungsverhältnis zwischenzeitlich bewährt hat. Im Gegensatz zur Empfehlung von Ray transportiere ich die Getränke immer noch im CamelBak in der Rückentasche meiner Schwimmweste. Das erschwert zwar tatsächlich ein wenig die Rotation. Der Vorteil, ohne große Anstrengung während des Paddelns einen Schluck zu nehmen, wiegt das aber in meinen Augen auf.
Technik
Genau die Empfehlungen auf die Beinarbeit und den Catch zu achten, vergegenwärtige ich mir irgendwann auch wie ein Mantra. Dabei erinnere ich mich gern an die klare Ansage von Birgit Fischer, dass man beim sportlichen Paddeln eben nicht das Paddel einfach so durch’s Wasser ziehen, sondern ganz bewusst den Catch ausführen, den Druck auch spüren und dann das Paddel kraftvoll durchziehen soll. Das ganze sei ja kein Sonntagsausflug und soll eben auch anstrengen. Ebenfalls hilft mir dabei die Pulsuhr, die ich mittlerweile zumindest bei flotteren Runden trage. Mit Beinarbeit und Paddelschlägen, die was bringen, ist mein Puls nämlich automatisch mindestens auf 130. Irgendwas zwischen 140 und 150 ist mein Ziel. Sobald er unter 120 sinkt, weiß ich, dass ich es mir zu gemütlich mache und der Trott einsetzt. Dann heißt es mit ein paar bewusst kräftigen Schlägen in höherer Frequenz, den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen und wieder in den Flow zu kommen.
Sitzfleisch
Was Ray nicht erwähnt, in meinen Augen aber DEN begrenzenden Faktor für die Langstrecke darstellt, ist die Kondition des Gluteus Maximus. Während in letzter Zeit kaum mehr Arme oder Rumpf während des Paddelns spürbar ermüden oder ich später Muskelkater bekomme, kann ich schlicht irgendwann nicht mehr bequem sitzen. Über zehn Stunden im Boot zu sitzen ist dabei eine Trainingsfrage, aber auch eine Frage der Ausrüstung. Obwohl mein Sitz bereits eine leichte Polsterung hat, ist für mich eine weiteres dünnes Polster aus simpler „Baumarkt“-Isomatte unerlässlich, aber auch ausreichend.
„Vier gewinnt“ beim Hiddensee-Marathon 2013
Mit einigem Respekt, aber vor allem viel Vorfreude habe ich dem Hiddensee-Marathon des Stralsunder Kanu-Club entgegengefiebert. Heute ist es nun endlich soweit. Die Nacht sind einige Schauer über die gut gefüllte Zeltwiese der Stralsunder Paddler gezogen. Pünktlich zum allgemeinen Aufstehen um vier Uhr morgens hört der Regen allerdings auf. Das geschäftige Treiben geht los und letzte Vorbereitungen werden allseitig getroffen. Insbesondere ein vernünftiges Frühstück muss als Grundlage her, auch wenn das in der frühen Morgenstunde ziemlich schwer fällt. Das war mein wichtigster Trainingsaspekt seit ich beim 1000-Seen-Marathon im letzten Oktober einen ziemlichen Hungerast hatte. Heute geht es mir vor allem um’s Ankommen aus eigener Kraft. Pünktlich um sechs Uhr ist das Teilnehmerfeld auf dem Wasser und es geht los. Über Boddengewässer und Ostsee soll es einmal um Hiddensee herum zurück zum Bootshaus in Stralsund gehen – ziemlich genau 70 Paddelkilometer. Schon die Streckenlänge macht es recht anstrengend, Wind und Wellen tuen ihr übriges. Angesagt sind für heute ideale Bedingungen mit ablandigem Wind aus Süd-Ost, der später sogar auf Nord-West drehen soll – das hieße die gesamte Zeit Rückenwind. Hieße…
Ich paddle eines von zwei Booten ohne Steuer und trete als einziger mit einem Grönlandpaddel an. Das bringt den ein oder anderen fragenden Kommentar mit sich. Direkt nach dem Start zieht sich das Feld auseinander. Insbesondere die zahlreichen Zweier und Wingpaddel-Fahrer setzen sich schnell ab. Ich orientiere mich, wie nicht anders zu erwarten, am hinteren Ende. Meine GPS-Pulsuhr läuft wie gewohnt mit. Vorgenommen hatte ich mir, recht konstant zwischen 140 und 150 Herzschlägen pro Minute zu fahren. Beim Versuch mitzuhalten, steigt mein Puls aber in Spitzen bis auf 170. Eigentlich bin ich also viel zu schnell für meine Verhältnisse. Da mich vor allem, der erste Meldepunkt im Vorfeld nervös gemacht hat, will ich aber den Anschluss nicht verlieren: nach drei Stunden muss ich die Ostsee erreichen, sonst werde ich aus dem Rennen genommen und zurückgeschickt. Also geht es ein wenig überambitioniert hinter zwei Einern und einem Zweier hinterher. Gleichzeitig erleichtert das die Orientierung über Strelasund und Kubitzer Bodden am Naturschutzgebiet vorbei bis zur Südspitze von Hiddensee. Hier liegt nach ca. 16 km das erste Meldeboot, dem ich lautstark „vier“ entgegenrufe. Ich liege deutlich unter den drei Stunden und fahre weiter am Fahrwasser entlang auf die Ostsee. Um die Seeseite von Hiddensee zu passieren, sind die Windbedinungen tatsächlich ideal. Wind und Wellen schieben mehr oder weniger. Leider bricht mein Skegboot bei den Wellen von schräg hinten immer mal wieder aus und ich muss es mühsam mit Korrekturschlägen wieder auf Kurs bringen. Ein-, zweimal gelingt mir sogar ein Surf, der mich zu den mittlerweile nur noch zwei Einern immer wieder gut aufschließen lässt. Auf Höhe Kloster schippert Meldeboot Nummer zwei hin und her, was das Heranfahren ein wenig erschwert. Wieder rufe ich eine „vier“ in den Wind hinein. Um die Nordspitze herum geht zum einzig sinnvollen Pausenplatz auf der Runde. Am „Toten Kerl“ rasten bereits weitere „Männer mit dem grimmigen Blick“, unter anderem Gero. Der hatte sich anfangs recht schnell abgesetzt und sticht gerade wieder in See. Lange pausiere ich auch nicht und sitze eine Bananenlänge später wieder im Boot und steuere Meldungsboot drei an, dem ich routiniert nicht viel mehr als „vier“ zu sagen habe.
Was vorhin als Rückenwind noch hilfreich oder ertragen war, bläst mir jetzt mit Windstärke vier direkt entgegen. 32 km liegen noch vor mir. Gero ist schon wieder in weiter Ferne verschwunden. Aber der Kollege im roten Skegboot, den ich eben noch bei der Pause „überholt“ habe, zieht jetzt wieder an mir vorbei. Bestens – habe ich wieder jemanden zur Orientierung. Mitzuhalten,versuche ich gar nicht erst. Die Streckenführung schlägt kurz einen Haken am Fahrwasser entlang und um Naturschutzgebiete herum. Ab jetzt geht es fast schnurgerade nach Süden. Der Wind denkt gar nicht daran, wie angekündigt zu drehen. Das heißt Knochenarbeit. Der Blick aufs GPS sorgt für Frustration. Die Geschwindigkeit sinkt auf unter fünf km/h – mit ihr meine Motivation und Laune. Immer wieder sporne ich mich an, mit höherer Frequenz am Paddel zu ziehen und meinen Puls wieder ins Soll zu treiben. Lange halte ich das jedoch nie durch, sitze ich doch recht ungemütlich im Boot und schippe immer wieder büschelweise Kraus auf’s Boot. Immer wieder ertappe ich mich dabei, anhand der noch verbleibenden Kilometer auszurechnen, wie lange ich noch im Boot sitzen werde. Aufbauen geht anders. Nachdem auch das rote Skegboot in weiter Ferne verschwunden ist, lasse ich ein Zweierkajak passieren und hänge mich an die beiden. Den letzten Meldepunkt hätten wir beinahe übersehen. Das angekündigte Segelboot hat sich zwischen seinesgleichen gut versteckt, letztendlich aber doch durch die gehisste gelbe Tonne verraten. Mit einem Bogen steuere ich auch dieses Boot an. Trotz der widrigen Umstände bleibe ich auch hier in der Sollzeit und rufe der Besatzung von Meldeboot Nummer vier die obligatorische „vier“ entgegen. Man bietet mir noch Wasser und Essen an. Mein Bananendampfer ist aber noch reichlich gefüllt und auch die zweite Trinkblase ist noch fast voll. Also geht es auf die letzten 15 km.
In der Ferne ist bereits die Skyline von Stralsund im Dunst zu sehen, während sich eines der Begleitboote neben mich setzt und den weiteren Weg begleitet. Jetzt gibt es immer wieder Schauer. Ich will zumindest unter 11 Stunden bleiben und vor allem nicht mehr drei Stunden im Boot sitzen. Also steigere ich mein Tempo nochmal. Irgendwann scheint der Wind doch noch ein wenig zu drehen, denn hinter dem Parower Haken ist es für die letzten fünf Kilometer fast windstill. Endlich kommt der Steg in Sichtweite. Die Wartenden beginnen, mich auf den letzten Metern anzufeuern und schließlich ertönt ein erlösendes Signalhorn, als ich die Startnummer vier über die Ziellinie paddle. Fertig mit der Welt lasse ich zwei freundliche Helfer mein Boot aus dem Wasser tragen. Erst langsam kommt Freude auf, dass ich auch die letzten 15 km durchgezogen habe und nicht der ständigen Versuchung erlegen bin, aufzugeben. Auch meinen festen Entschluss, dass das heute neben meiner ersten auch sicher meine letzte Teilnahme am Hiddensee-Marathon war, revidiere ich im Laufe des Abends und spätestens nach einer Nacht, in der ich richtig gut schlafen konnte.
Den Veranstaltern gebührt ein dickes Dankeschön! Gerade bei den anspruchsvollen Bedingungen war es beruhigend, immer eines der zahlreichen Begleitboote in der Nähe zu wissen. Die Abendgestaltung bei Grillfleisch und Kaltgetränken ließ wenig zu wünschen übrig, auch wenn wegen allgemeiner Erschöpfung kaum Feierstimmung aufkam. Auf der Rückfahrt am nächsten Morgen wird Gero übrigens nach der Nummer der Tanksäule fragen, für die er die Rechnung begleichen will. „Vier“ werde ich rufen – gelernt ist gelernt…
Nachklapp: Gero hat auf zirpelspinner.me den Marathon aus seiner Sicht verbloggt. Dass er mir lediglich 1000 kcal zum Frühstück empfohlen hat, selbst aber bis zum Anschlag mit Babybrei und Baked Beans gefüllt war, hat ihm offenbar die entscheidende Viertelstunde Vorsprung beschert. Ergebnisliste und Bericht gibt es auch beim Stralsunder KC. Einen weiteren Bericht gibt es beim Hamburger RdE.
(Fast) 100 – In großem Bogen rund Potsdam
So manche Tour wurde im TKV ja bereits als Schinderei verschrien. Mir ist das nicht genug und ich bilde mir ein, eine weitere Langstreckentour wäre noch eine gute Vorbereitung für den Hiddenseemarathon in zwei Wochen. Also klingelt mein Wecker an einem Samstagmorgen einmal mehr deutlich früher als unter der Woche. Mit reichlich Müsliriegeln und Bananen auf dem Deck sowie 500 g Bananenquark im Bauch lege ich um 6:15 Uhr am TKV ab. Die Stimmung ist herrlich und der Tegeler See macht in der Morgensonne einiges her. Hier und die Havel entlang lümmeln bereits erstaunlich viele Angler rum… Über die Spandauer Havel geht es Richtung Wannsee. Die Havel hat einiges an Strömung – zeitweilig fahre ich 12 km/h. So fahre ich nicht wie gewohnt durch Klein Venedig, sondern bleibe im drögen Kanal und lasse mich schieben. An Grunewaldturm, Pfaueninsel und Sacrower Heilandskirche vorbei geht es die Havel runter in den Sacrow-Paretzer Kanal. Ich habe mir vorgenommen, zwei längere Touren, die ich in der Vergangenheit bereits häufiger gefahren bin, kombiniert an einem Tag zu fahren. Mit der Griebnitzsee-Tour und der Runde um Potsdam gibt das ziemlich genau 100 km. Schöne Zahl…
Auch hier im Kanal strömt es gut, sodass ich schon nach fünf Stunden den Abzweig Richtung Werder erreiche. 40 km sind jetzt bereits auf dem Tacho. Ein 8er Schnitt lässt mich optimistisch in die Zukunft blicken. Nur habe ich bisher immer zwei Punkte ausgeblendet: ab jetzt gibt es gute 15 km Gegenwind der Stärke 4 und ab jetzt paddele ich gegen die Strömung. Meine Geschwindigkeit sinkt proportional zu meiner Laune. Immerhin überhole ich diverse Paddler, die es deutlich ruhiger angehen lassen. Kein großer Trost. Der eigentlich geplante Stop in Werder fällt aus. Erst will die Gegenwindstrecke hinter mich bringen – Psychologie und so… Endlich erreiche ich den Schwielowsee und biege in den kleinen Kanal zum Petziensee. Hier ist es windstill, aber es strömt mir deutlich entgegen. Entkräftet steuere ich eine der noch wenigen freien Buchten an und mache eine kurze Pause. Allzu lange will ich aber nicht bleiben. Ein gutes Stück liegt ja noch vor mir.
Den Templiner See hinauf geht es durch Potsdam bis irgendwann endlich die Glienicker Brücke in Sicht kommt. Rechts biege ich ein Richtung Griebnitzsee, wo ich nach 10 Stunden endlich die 70 km vollmache. Ich mache eine weitere kurze Pause, bevor es weiter geht. Auf den folgenden Kilometern mache ich immer wieder kurze Pausen im Boot, lehne mich zurück und entspanne Rücken und Hände. Auf der folgenden Strecke über Pohlesee, Kleinen Wannsee und Großen Wannsee sinkt die Motivation immer weiter. Irgendwie war der letzte Müsliriegel auch nicht der beste Kauf. Direkt nach der schmalen Durchfahrt bei Schwanenwerder mache ich erneut eine Pause. Ich muss dringend mal meine Beine ausstrecken und den Rücken entlasten. Kurz schlafe ich sogar ein, bevor es weiter geht Richtung Schleuse Spandau. Klein Venedig spare ich mir wieder – irgendwie verkraftet meine Psyche den Gedanken an einen Umweg gerade nicht, auch wenn dort die Strömung unter Umständen geringer ist…
Kurz vor der Schleuse steht am Rand einer der obligatorischen Angler. Ich mustere ihn, weil er einem Bekannten verdammt ähnlich sieht. Er bemerkt dies offenbar und meint nur: „Na, endlich auf’m Rückweg?“ Außer einem kurzen „ja“ und einem blöden Blick bekomme ich nicht viel heraus. „Ick stand heute morgen da drüben.“ meint er und zeigt auf die andere Uferseite, von wo ihn ein Stadtfest vertrieben hat. Blöder Blick wird zu einem breiten Grinsen und deutlich entspannter und motivierter geht es jetzt durch die Schleuse auf die letzten knapp 8 km. Ich beschließe, doch nicht mit dem Paddeln aufzuhören, den Hiddensee-Marathon doch nicht abzusagen und sowieso und überhaupt… Durch den direkten Weg statt durch Klein Venedig fehlen mir beim Eintreffen im Verein kurz vor 21:00 Uhr zwei wertvolle Kilometer. Endstand sind 98 km – aber wer wird denn kleinlich sein?
Das ist übrigens eine traumhafte Strecke, die man aber sinnvollerweise besser an zwei bis drei Tagen fahren sollte…